Midsommar, der längste Tag im Jahr, ist ein wahres Heiligtum in Schweden, die Nacht, in der es nie oder nur kurz richtig dunkel wird, ist magisch. Für viele ist Midsommar (oder im Deutschen: Mittsommer) wichtiger und beliebter als Weihnachten – selbst für Kinder, auch wenn es an Midsommar keine Geschenke gibt. Midsommar – das ist nicht nur eine magische Nacht, das ist auch der Tanz um die midsommarstången, das sind frische Kartoffeln und Hering (sill), Erdbeeren mit Sahne, Schnapslieder. Ein Fest, das in Erinnerung bleibt, wenn man es einmal mitgefeiert hat. Und erst, wenn man es in Schweden einmal mitgefeiert hat, wird man die Magie von Midsommar wirklich spüren.
Wann und wie wird Midsommar gefeiert? Und wo finden die schönsten öffentlichen Feiern statt?
In Shakespeares A Midsummer Night’s Dream – bis heute eines der am häufigsten gespielten Theaterstücke der Welt – ist im Wald während der Mittsommernacht alles möglich. Puck treibt sein frivol-freches Spiel, ein Handwerker wird in einen Esel verwandelt, Feen und Elfen verzaubern und verwünschen, die Liebe befindet sich auf Ab- und Umwegen, bis am Ende alle Verliebten glücklich zueinander finden.
In der Mittsommernacht herrschen das Magische und die Liebe. Das ist nicht nur bei Shakespeare so, sondern im gesamten Norden seit vielen vielen Jahren. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert.

Wann wird Midsommar gefeiert?
Eigentlich ist der Midsommartag der 21. Juni, denn dann ist die Nacht wirklich am kürzesten. Anschließend werden die Tage allmählich wieder kürzer. In einer agrarisch geprägten Gesellschaft war dies eine entscheidende Marke im Jahresverlauf. Entsprechend alt sind die Traditionen rund um Midsommar, vieles aus dem heidnischen oder Volksglauben ist bis heute präsent.
Als der Norden missioniert wurde, verschmolzen christliche Rituale zur Feier des Namenstags von Johannes dem Täufer mit den heidnischen Traditionen. Der Johannistag ist der 24. Juni.
Heute wird aber nicht mehr zwingend am 21. Juni oder am 24. Juni gefeiert. Der Midsommarafton, also der Tag vor dem eigentlichen Mittsommer und der Tag, an dem besonders kräftig gefeiert wird, ist immer der Freitag zwischen dem 19. und 25. Juni. Und schon während des gesamten Tages spürt man, dass sich etwas Besonderes anbahnt. Die Geschäfte schließen, die Büros entleeren sich, Familien und Freunde treffen sich, um mit den Feierlichkeiten zu beginnen.
Vorbereitungen auf Mittsommer
Vorsicht: Die Geschäfte schließen, das betrifft auch die staatlichen Alkoholgeschäfte, Systembolaget, die am Midsommarafton geschlossen haben. Alkohol muss also früher besorgt werden. Stellenweise bilden sich am Mittwoch und Donnerstag vor Mittsommer lange Schlagen vor den Alkoholshops. Nun könnte man einwenden, dass man ja auch ohne Alkohol feiern könnte, was definitiv richtig ist. Dennoch spielt der Alkohol an Midsommar eine große Rolle (dazu unten mehr).
Den Vormittag verbringen viele damit, Haus und Hof sauberzumachen. Der Kies wird gerecht, das Haus wird mit Blumen und Zweigen, vor allem Birkenzweigen, geschmückt. Blumenschmuck findet man an diesen Tagen allerorten (nicht nur auf dem Kopf der Feiernden). Ausflugsboote sind geschmückt, Kutschen, öffentliche Gebäude. Midsommar ist überall präsent.
Das Errichten der „Majstång“ – eine Gemeinschaftsaufgabe
Im ganzen Land gibt es öffentliche Midsommarfeiern. Meist beginnen sie am frühen Nachmittag mit dem Aufstellen der Midsommarstången, die auch Majstången genannt wird, obwohl sie nichts mit dem Mai zu tun hat. Entweder geht das Wort auf das Verb ”maja” zurück, was „mit Blumen schmücken“ bedeutet oder es wurde vom deutschen Maibaum entlehnt. Jedenfalls wird der hohe Baum, meist gekleidet in ein grünes Kleid aus Birkenzweigen und -blättern, Blumen und Kränzen, feierlich aufgestellt. Mancherorts müssen da viele mit anpacken. In Dalarna beispielsweise sind sie bis zu 26 Meter hoch und wiegen an die 800 Kilogramm. Normalerweise hat die Midsommarstången einen Quermast, an dem zwei Ringe aus Blättern hängen.

Sobald der Baum steht, wird um ihn herumgetanzt. Berühmt sind die kleinen Frösche (”små grodorna“). Zu diesem Lied hüpfen und tanzen Groß und Klein wie Frösche im Kreis – die Kinder mit großer Freude, die Erwachsenen mit schwankendem Engagement. Aber alle sind dabei, und wenn sie nur klatschend oder leise mitsummend im Gras sitzen. Die Tradition der „kleinen Frösche“ ist im Übrigen noch gar nicht so alt. Sie stammt aus dem frühen 20. Jahrhundert, wahrscheinlich aus der Handwerksschule in Nääs (in der Nähe von Göteborg).
Die Magie der Blumen
Viele Köpfe werden von Blumenkränzen geziert. Das Binden der Kränze beginnt meist am Vormittag des Midsommarafton und ist eine soziale Aktivität, nichts, was zuhause im stillen Kämmerlein gemacht wird. Kinder und Erwachsene sitzen zusammen, flechten, quatschen und genießen die gemeinsame Vorfreude.

Blumenkranz – gehört einfach zu Midsommar
Natürlich haben Geschäftstüchtige das entdeckt und bieten fertige Kränze an. Klar, erspart einiges an Arbeit. Aber das Spezielle an Midsommar ist, dass man die Blumen selbst pflückt und die Kränze selbst bindet. Traditionell pflückt man dabei sieben verschiedene Blumen. Wenn man sie in der Mittsommarnacht unters Kissen legt, dann träumt man angeblich von der zukünftigen Liebe. Sie ist es eben magisch, diese Nacht.
Das Midsommarbord
Essen und Trinken dürfen bei einer schwedischen Feier selbstverständlich nicht fehlen. Dazu gehen aber viele nach Hause oder auf private Feiern. Auf das Buffet kommen – klar – Hering in allen möglichen Formen, auch junge Kartoffeln und Erdbeeren mit Sahne sind Pflicht. Darüber hinaus kann alles Mögliche aufgetischt werden – Köttbullar, Lachs, Garnelen, Kuchen, Nachtische aller Art. Und wenn die Tradition es ernst meint, dann spült ein kräftiger Regenschauer einmal über das Buffet hinweg, denn der Regen gehört mindestens genauso zu einem Midsommarfest wie der Hering.
Und der Schnaps.
Midsommar ohne Schnaps – geht das?
Kein Midsommar ohne Schnaps. Die gekühlten Schnäpse heißen nubbe und sie werden zu den Kartoffeln und dem Hering serviert. Doch bevor der Schnaps hinuntergestürzt wird, ertönt ein Schnapslied, ein snapsvisa. Wer intonieren möchte, lernt zumindest den Text von Helan går auswendig, das ist das klassische Schnapslied zum Aufwärmen. Gefolgt meist von „Halvan“ und dann unzähligen anderen, meist kurzen und normalerweise nur halbernsten Liedern. Nach dem Lied wird angestoßen (Blickkontakt nicht vergessen!) und dann mit einem lauten „Hej Tomtegubbar“ (oder Ähnlichem) der Schnaps hinuntergespült.
Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass es bei manchen ziemlich schnell deutlich zu viele Schnäpse werden, wenn man so gemeinsam feiert und trinkt. Das gehört auch zu den Wahrheiten rund um Mittsommer: Es ist einer der Tage mit den meisten Zwischenfällen und Schlägereien unter Alkoholeinfluss. Schon im Mittelalter ist rituelles Biertrinken an Midsommar in Schweden belegt.
Der soziale Druck, dabei mitzumachen, ist aber längst verschwunden. Alkoholfreier Cider beispielsweise oder Erdbeersaft sind verbreitet und werden auch nicht mehr argwöhnisch beäugt. Man kann also auch gänzlich nüchtern durch die Feierlichkeiten kommen, wenn man das will.
Midsommar aber ohne Alkohol zu denken, ist fast unmöglich. Und so wundert es nicht, wenn diese magische Nacht stellenweise gar nicht so magisch ist, weil Jugendliche alkoholgeschwängert grölen, manche ganz still und mit glasigen Augen dasitzen und zu keiner Kommunikation mehr möglich sind oder andere komatös irgendwo herumliegen.
Legenden rund um Midsommar
Wobei das wiederum der Tradition nach auch ganz stimmig sein kann – zumindest wenn man sich an einer Wegkreuzung schlafen legt. Denn wenn man dort wieder in aller Stille aufwacht, dann soll das erste Geräusch, das man hört, ein Blick in die Zukunft sein.
So erzählt eine Legende aus Jämtland von drei Mädchen, die an einer Kreuzung aufwachen. Die eine hört als Erstes den Lärm einer Schmiede; sie wird später einmal einen Schmied heiraten. Die zweite vernimmt Geigenklänge; sie wird einen Spielmann heiraten. Die dritte jedoch hört Kirchglocken; sie stirbt kurz darauf.
Die Magie von Midsommar
Wenn man die Alkoholleichen wegrechnet, dann ist die Mittsommernacht absolut magisch. Es ist die Nacht, in der die reale, menschliche Welt mit der übernatürlichen zusammenfließt. Die Jugend soll tanzen, bis die Sonne aufgeht. Wer nicht tanzen mag, der kann barfuß durch den Tau des Mittsommermorgens gehen, denn dann wird man in diesem Jahr gesund bleiben. Alternativ kann man sich auch nackt im Tau rollen, vielleicht erhöht das die Gesundheit noch weiter. Oder man pflückt – wichtig: in aller Stille – die sieben verschiedenen Blumen, um sie unters Kopfkissen zu legen und von seiner großen Liebe zu träumen.
Magie eben.
Aber wo kann man diese Magie nun am besten erleben?
Die einfache Antwort: Eigentlich überall in Schweden. Denn in vielen städtischen Parks, auf alten Hembygdsgårdar und Freilichtmuseen werden öffentliche Feiern arrangiert. Am besten schaust du auf der Homepage der nächstgelegenen Touristinformation, dort sind die öffentlichen Feiern im Normalfall aufgelistet. Diese kleinen, lokalen Feiern haben durchaus ihre Vorteile: Sie sind kleiner und übersichtlicher, haben einen starken lokalen Kolorit – und die Schlange beim Buffet ist deutlich kürzer. Auch kriegt man noch kurz vorher Unterkünfte.
Epizentrum aller Mittsommerfeiern: rund um den Siljansee in Dalarna
Denn das ist bei den großen, im ganzen Land bekannten und beliebten Feiern, tatsächlich ein Problem. Um am Mittsommerwochenende rund um den Siljansee noch eine Unterkunft zu bekommen, sollte man frühzeitig, ich würde mal sagen spätestens im März, dran sein.
Die Gegend um den Siljansee im Herzen Dalarnas ist wohl die Gegend für traditionelle Mittsommerfeiern. Die größte Feier findet mit bis zu 25000 Besuchern in Gropen in Leksand statt. Hier zu feiern, ist, als würde man direkt in eine alte Postkarte eintauchen. Alle in typischen Trachten, überall das Spiel von Violinen und Ziehharmonika, große Tänze um die Majstången. Das ist enorm beeindruckend und ein prächtiges Schauspiel, vor allem wenn der Spielmannszug auf alten Kirchbooten eingefahren kommt.

Nicht nur in Leksand wird traditionell gefeiert, auch in Rättvik gibt es eine große Feier, ebenso auf dem Våmhus gammelgård in Mora, dem Orsa Hembygdsgård, in Tällberg oder auf Sollerön.
Strand und Geschichte: Feiern auf Gotland
Auch auf Gotland finden große Midsommarfeste statt. In Visby gibt es entlang der mächtigen Stadtmauer mehrere Feiern, auch hier natürlich mit Errichten des Baums, Tanz und Musik. Andernorts wird in Strandnähe gefeiert, so kann man nach den Feierlichkeiten in der endlosen Sommernacht noch einen Sprung ins kalte Meer wagen.
Wie in Dalarna gilt auch bei Gotland: Die Insel ist an Midsommar extrem populär. Fähre und Unterkunft sollten daher rechtzeitig gebucht werden.

Feiern in Stockholm und Göteborg
Die beiden größten Städte Schwedens bieten ebenfalls viele Möglichkeiten, Midsommar zu feiern. Beide Städte haben dabei eine entscheidende Gemeinsamkeit: Es gibt schöne Parks mitten in der Stadt, aber auch viele Schäreninseln, die ein ganz besonders einmaliges Midsommar ermöglichen.
Die größte Feier in Stockholm ist im Freilichtmuseum Skansen auf Djurgården. Hier wird alles geboten, was man an Midsommar so braucht: Gegen 13 Uhr beginnen die Feierlichkeiten, indem die Midsommarstången aufgestellt wird. Tanz, Musik, Allsång, Spiele – hier fehlt nichts. Und dabei hat man noch eine tolle Aussicht aufs Wasser und auf Stockholm.

Ganz anders ist die Stimmung bei Vinterviken im südlichen Stockholm. Hier ist weniger los, es ist ruhiger, die Menschen sitzen auf Picknickdecken entspannt am Wasser. Wer nicht den ganz großen Trubel will, ist hier richtig.
In den Schären ist die Stimmung an Midsommar besonders einzigartig. Egal, ob man nun in Sandhamn oder in Vaxholm feiert, auf Grinda oder den Fjäderholmarna. Die Feiern sind extrem idyllisch, meist direkt am Wasser. Hier treffen die Magie der Schären auf die Magie der kürzesten Nacht – mehr Magie geht nicht.
In den Göteborger Schären sind besonders die südlichen Schären für solche idyllischen Feiern bekannt. Vor allem auf Styrsö und Brännö sind die Feiern wunderschön, und auch wenn viele Göteborger auf die Inseln herausfahren, haben sie sich etwas Beschauliches bewahrt.
In Göteborg selbst kann man im Slottskogen kräftig feiern. Hier ist die Feier vielleicht etwas weniger traditionell und eher jugendlich-laut. Stilechter ist da die Feier im Park des Gunnebo slotts, in den viele Familien mit kleinen Kindern pilgern.
Hering direkt vom Fischmarkt: Midsommar in Bohuslän
In jedem der vielen idyllischen Küstenörtchen Bohusläns werden Midsommarfeiern arrangiert. Viele Jugendliche feiern in Smögen, etwas entspannter geht es in Fjällbacka oder Grebbestad zu. Die Feiern finden meist in Wassernähe statt. Der Salzgeruch des Meeres liegt über Tanz und Musik und der Hering stammt von den lokalen Fischern. Nirgends ist das Essen von Hering authentischer als hier. Und wenn dann noch die (sehnsüchtigen? hungrigen? neidischen?) Schreie der Möwen und ein glutroter Sonnenuntergang über dem Meer hinzugekommen, ist die Idylle perfekt.

Das sind nur einige Orte, an denen man perfekt Midsommar feiern kann. Viele andere bleiben (fast) unerwähnt: Borgholm auf Öland beispielsweise, oder die Feier in Båstad, wo fast ein wenig Riviera-Stimmung aufkommen kann, die idyllischen Feierlichkeiten in Österlen ganz im Süden oder auf Fårö nahe Gotland.
Überall Midsommar
Das Beste an Midsommar an Schweden ist, dass es überall gefeiert wird. Sehr traditionell in Dalarna, idyllisch-pittoresk auf den Schären, jugendlich-städtisch in den Parks der Städten, lokal und überschaubar auf vielen Hembygdsgårdar oder ganz entspannt mit Freunden im heimischen Garten. Das Entscheidende ist, dass man mit Freuden feiert, dass die Erdbeeren schmecken und man vielleicht auf den einen oder anderen Schnaps zu viel verzichtet, um später die Magie der Nacht ganz bewusst und in aller Stille zu erleben.
Glad midsommar var du än firar!
Beitragsbild: Anna Hållams / Visit Dalarna





