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Der Ort, an dem die Schweden streiten – die Waschküche

Schweden in der Waschküche

In der schwedischen Waschküche verändert sich alles. Grundlegend. Gewissheiten stürzen ein. Gefestigte Bilder bekommen Risse. Die Waschküche ist ein Ort der ungeschminkten Wahrheit.

Eine Glosse.

Die Schwedinnen und Schweden sind entspannt, irgendwie immer freundlich, sie streiten nicht gerne. Man begegnet sich mit Wertschätzung in Schweden. So ist es doch. Oder?

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie du dieses Bild von den Schweden zumindest ein wenig ankratzen kannst: 1.) Du liest hier weiter. 2.) Du benutzt selbst einmal eine Waschküche in einem Mietshaus in Schweden.

Man möge mir die Pauschalisierung verzeihen: In der Waschküche sind die Schweden deutscher, als die Deutschen es jemals sein könnten.

Man sagt den Deutschen ja nach, sie seien sehr akkurat und pünktlich (und das in beinahe obsessiver Weise). Auch hört man immer wieder, die Deutschen würden gerne motzen, seien latent aggressiv. Ob das nun stimmt oder nicht, sei dahingestellt (es spielt für diesen Text keine wirkliche Rolle).

Kommunikation in der Waschküche über Klebezettel

Steigt man in schwedische Waschküchen hinunter, hinunter in die ungeschminkte Welt, da begegnet man diesen seltsamen Wesen, die eigentlich Schweden sind, aber hier so gar nicht mehr schwedisch sein wollen. Nein, im Grunde genommen ist das eine falsche Aussage, denn man begegnet in dieser Welt aus Heizungsrohren, nackten Wänden und drei, vier, fünf Waschmaschinen nur selten jemandem. Die Kommunikation erfolgt hier anders: über kleine Klebezettel, auf denen wütende Nachrichten stehen. „Die Waschzeit um 5 Minuten überschritten“, steht da zum Beispiel. Drei Ausrufezeichen unterstreichen die schlimme Tat. Oder einfach nur: „Schau in die Liste!“ Auch oft gesehen: „Staubflusen aus dem Trockner nehmen!“

Im Jahr 2009 widmete das Nordische Museum Stockholm der Waschküche und den dortigen Konflikten sogar eine eigene Ausstellung. Eine Wand präsentierte eine grandiose Sammlung solcher wütenden Zettel („arga lappar“).

Die wundersame Waschküchenwelt funktioniert in Mietshäusern folgendermaßen: Im Keller stehen ein paar Waschmaschinen und Trockner, die von allen Mietern genutzt werden können. Damit man sich nicht in die Quere kommt, liegen oder hängen Listen aus, in die man sich eintragen kann. Das ist alles vernünftig und nachvollziehbar, schließlich will man nicht mehrfach mit einem vollen Wäschekorb in den Keller stiefeln, nur um dort festzustellen, dass man umsonst gekommen ist.

Frau in der Waschküche
So entspannt geht es nicht immer zu in schwedischen Waschküchen.

Schwedischer Furor

Wenn die Waschzeit aber nur um wenige Minuten überschritten wird, dann wird jegliche schwedische Gelassenheit vergessen. Dann herrscht Furor. Da wird schon mal ein Waschgang unterbrochen und die Wäsche auf den dreckigen Fußboden geschleudert. Oder eben es wird ein wahlweise mahnender oder wütender Klebezettel hingeklebt. Eine Untersuchung von Hem & Hyra zeigt, dass schon jeder Siebte nach eigenen Aussagen Ärger in bzw. wegen der Waschküche hatte.

Nur in einer Sache bleiben sich die Schwedinnen und Schweden treu: Niemand sucht die direkte Konfrontation. Und wenn doch, kann es schlimm enden, wie ein Fall aus Malmö zeigt: Im April 2020 wurde ein Mann zu 100 Sozialstunden und 5000 Kronen Strafe verurteilt, weil er einen anderen Mann misshandelt hatte. Was hatte der andere Mann getan? Nun, ihn darauf hingewiesen, dass der Täter die von ihm gebuchte Maschine benutzte. Aus Kinda wurde 2019 eine Messerstecherei wegen eines Wäschestreits gemeldet. Und das sind keine Einzelfälle. Gefährliche Pflaster, diese Waschküchen…

Nun ist es sicherlich kein netter Zug, die Waschzeit zu überziehen oder zu vergessen, die Wäsche aus der Maschine zu nehmen und so den nächsten zu blockieren. Keine Frage. Aber doch verwundert es, dass viele Schweden hier so vollkommen unentspannt sind, als würde sich in der Waschküche ihr Lebensglück entscheiden. Von „Ta det lugnt“ ist hier nichts zu spüren.

Warum?

Vielleicht weil der Faktor Zeit in der fein durchgetakteten Welt vieler schwedischer Familien enorm wichtig ist. Die kleinste Störung bringt den ganzen schönen Tagesplan durcheinander.

Oder es ist einfach so, dass die halbanonyme Welt der Waschküche der schwedischen Art, Konflikte auszutragen, sehr entgegenkommt. Man kritisiert sich nicht gerne direkt, also von Angesicht zu Angesicht. Das wird als übergriffig wahrgenommen. Da ist so ein wütender Zettel deutlich angenehmer – der Unmut kann geäußert werden, die direkte Konfrontation bleibt aber aus.

Und wie reagiert man auf einen wütenden Zettel? Lesen, akzeptieren und – wenn die Kritik berechtigt ist – das eigene Verhalten verändern. Auf keinen Fall einen wütenden Zettel zurückschreiben. Das würde wiederum als deutlich zu konfrontativ aufgefasst werden.

  1. Elke Wolf-Verleur

    Herzlich gelacht! Nein so kenne ich die Schweden nicht! Aber genau so habe ich es selbst erlebt, als ich in einem deutschen Schwesternwohnheim meine Wäsche im gemeinsamen Waschkeller waschen musste. Verfärbt Wäsche inklusive, wenn der Vorgänger die Trommel nicht ordentlich leer gemacht hatte. ???

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