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Schwedische Krimis – ein Erfolgsgenre aus dem Norden

Schwedische Krimis

Kurt Wallander, Martin Beck, Irene Huss, Erik Winter, Gunnar Barbarotti – manchmal scheint es, als gäbe es diese Figuren wirklich, so vertraut erscheinen sie uns. Aber sie sind natürlich nur Romanfiguren, Ermittler in Schweden-Krimis, die mit dazu beigetragen haben, dass schwedische Krimis so populär sind und fast schon als eigenes Genre zählen.

Wenn die Winternächte lang und dunkel sind, dann versammelt man sich vor dem Kamin und erzählt sich Geschichten. Alte Sagen, skurrile, spannende, schöne Geschichten, düstere Legenden … Selma Lagerlöf kam so früh in Kontakt mit vielen Erzählungen, die sie inspirierten und den Grundstein ihres literarischen Schaffens legten. Und sie ist nicht die Einzige. Das Erzählen hat im Norden allgemein und in Schweden im Speziellen eine große Tradition. Entsprechend viele auch international erfolgreiche Schriftsteller bringt Schweden hervor.

Schwedische Krimis – seit den 1990er Jahren Verkaufsgaranten in Deutschland

Seit den 1990er Jahren drängen besonders viele schwedische Bücher auf den deutschen Markt. Meist sind es schwedische Krimis. Manche Verlage führen sogar eine eigene Kategorie: Schwedenkrimis. Es scheint so, als würde beinahe jeder Krimi, der aus Schweden kommt, zum Verkaufsgaranten. In den Jahren nach 2000 wurden über 100 schwedische Krimi-Autoren ins Deutsche übersetzt. Das ist eine Hausnummer.

Schweden-Krimis
Nur eine kleine Auswahl aus einem riesigen Angebot an Schweden-Krimis

Aber warum ist dem so?

Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir erst einmal klären, was denn ein Schweden-Krimi ist. Gibt es bestimmte Zutaten, die schwedische Krimis ausmachen?

Sjöwall und Wahlöö: die „Erfinder“ des sozialkritischen Krimis

Schwedische Krimis gab es schon vor hundert Jahren, aber den internationalen Durchbruch schafften sie erst mit dem Autoren-Duo Maj Sjöwall und Per Wahlöö*, die zwischen 1965 und 1975 den Ermittler Martin Beck auf Verbrecherjagd schickten. Sjöwall und Wahlöö beschrieben dabei nicht nur ein Verbrechen und die nachfolgende Ermittlung, vielmehr standen gesellschaftliche Entwicklungen, vor deren Hintergrund sich die Verbrechen ereigneten, genauso im Mittelpunkt. Dies macht das Genre – wenn man denn von einem eigenen Genre sprechen will – bis heute aus: Schweden-Krimis haben eine sozialkritische Note, sie beschreiben gesellschaftliche Entwicklungen, beleuchten soziale Nöte, und sind somit immer auch Gesellschaftsromane.

Schweden in den 1960er Jahren, das war auch Wohlfahrtsstaat-Heile-Welt. Der Staat griff beherzt ein, um gesellschaftliche Ungleichheit zu beseitigen. Gleichheit sollte überall gelten. Und wenn dann ein brutales Verbrechen in diesen Anschein einer heilen Welt einbricht und dabei unter der netten Oberfläche schlummernde Abgründe aufdeckt, dann ist die Faszination umso größer. Eine morbide Faszination.

Boom der Schwedenkrimis mit Henning Mankell

Während der schwedische Sozialstaat in den 1990er Jahren zurückgefahren wurde und gesellschaftliche Verwerfungen und Problematiken immer deutlicher sichtbar wurden, betrat Henning Mankell* die Bühne. Im idyllischen, provinziellen Ystad begann sein Kommissar Kurt Wallander zu ermitteln – mal gegen die große industrielle und korrupte Elite, mal ganz im Kleinen. Das sozialkritische Element ging dabei aber nie verloren.

Zentraler Ort für schwedische Krimis: Ystad
Brutale Verbrechen in idyllischer Kleinstadt: Ystad; Foto: Simon Paulin / imagebank.sweden.se

Mit Henning Mankell feierte der schwedische Krimi endgültig seinen Siegeszug, vor allem in Deutschland. Und mit Kurt Wallander wurde ein Ermittler-Typ populär, der ebenfalls als Markenzeichen des Schweden-Krimis zählt: der einsame, zu Schwermut neigende Kommissar, in dessen Privatleben der Leser Einblick erhält. Ein Ermittler, der so eigenbrötlerisch ist, dass man im realen Leben wahrscheinlich wenig mit solchen Leuten zu tun haben möchte, der aber zugleich verletzlich und lebensnah ist, dass man ihn trotz allem ins Herz schließt.

Henning Mankell
Henning Mankell (1948-2015); Foto: Lina Ikse / Leopard Förlag, Creative Commons Attribution 3.0 Unported

Schwedische Krimis sind oft ziemlich brutal

Und ein weiteres Element, das typisch für schwedische Krimis ist, findet sich bei Mankell: eine immer heftiger werdende Brutalität. Die Verbrecher scheinen zunehmend enthemmt, kennen keinerlei Grenzen mehr, wenn es darum geht, Menschen zu töten und zu verstümmeln. Und da ist sie wieder: die morbide Faszination. Wenn unfassbare Verbrechen das niedliche Ystad heimsuchen, dann fasziniert das. Ystad, das ist Südschweden-Romantik pur. Ein kleines Städtchen am Meer, alles hier ist friedlich, hier möchte man leben. Und dann das größtmögliche Kontrastprogramm: Verbrechen, Brutalität, unmenschliche Abgründe. Sie lassen das Idyll erzittern, stellen es in Frage, doch am Ende wird es – zumindest in Teilen – wieder errichtet.

Damit haben wir die Zutaten des Schweden-Krimis herausgefiltert: sozialkritischer Hintergrund, ein zu Schwermut neigender Ermittler, der dadurch zutiefst menschlich erscheint, heftige Brutalität, die im Gegensatz zum heilen Schein der schwedischen Lebenswelt steht.

Doch der Schweden-Krimi ist eben kein einheitliches Genre. Diese Elemente prägen viele schwedische Krimis, aber es gibt auch genügend Ausnahmen. Håkan Nesser ist zum Beispiel eine solche, denn er spart Brutalität häufig komplett aus. Spannend ist’s trotzdem.

Wer ermittelt wo in Schweden?

Mittlerweile wird nicht nur in Stockholm (Martin Beck) und Ystad (Kurt Wallander) ermittelt, sondern in vielen Regionen Schwedens. Von Kiruna bis Skåne, von Gotland bis Bohuslän – beinahe in ganz Schweden wartet das Böse unter der schönen Oberfläche. Welcher Kommissar (oder manchmal auch Journalist) wo ermittelt, kannst du dieser Karte entnehmen.

Die Bezeichnung Schweden-Krimi scheint inzwischen nicht mehr ganz passend zu sein. Denn die Verlage haben erkannt, dass sich nicht nur Krimis aus Schweden gut verkaufen, sondern grundsätzlich aus dem Norden. Und so wird mittlerweile auch in Finnland, Norwegen, Dänemark, Island, ja, selbst auf den Färöer-Inseln fleißig ermittelt. Die grundlegenden Zutaten des Schweden-Krimis finden sich aber auch hier.

 

Wer ist dein liebster Ermittler? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

 

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