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Feministin? Punk? Anarchistin? Revolutionärin?– Pippi Langstrumpf wird 75

Pippi Langstrumpf in der Villa Kunterbunt

„Nu ska vi fira, så det brakar i hela Villa Villekulla.” – „Jetzt wollen wir feiern, dass es in der ganzen Villa Kunterbunt nur so kracht.” Ja, es gibt Grund genug zum Feiern. Denn vor 75 Jahren erschien das erste Pippi Langstrumpf-Buch. Mit Pippi trat eine Kinderbuchheldin in die Welt der Literatur, wie sie es sie zuvor noch nicht gegeben hat. Pippi war revolutionär. Und löste damit nicht nur Begeisterungsstürme aus. Obwohl sie bereits 75 ist, bleibt sie jung und aktuell.

Das würde Pippi gefallen. Keiner weiß so genau, wann sie wirklich Geburtstag hat. Viele sagen, es sei Mitte Mai – an jenem Tag, an dem Astrid Lindgren ihrer Tochter das Manuskript zu Pippi Langstrumpf überreichte. Pippi könnte aber auch schon etwas älter sein. Denn schon 1941, also vor fast 80 Jahren, erzählte Astrid Lindgren die ersten Pippi-Geschichten. Ihre Tochter Karin lag damals mit Lungenentzündung krank im Bett und wollte unterhalten werden. „Erzähl mir von Pippi Langstrumpf!“, soll sie gesagt und damit den Namen der rotzopfigen Heldin erfunden haben.

Oder ihr Geburtstag ist der 26. November 1945. An diesem Tag erschien das erste Pippi-Buch im Verlag Rabén & Sjögren. Für den Verlag wurde Pippi zur Schatztruhe mit den vielen Goldtalern, wie sie auch in Pippis Villa Kunterbunt steht – und der Bonniers Verlag dürfte sich noch heute grämen, dass er das Manuskript abgelehnt hatte.

Und was sagt Pippi?

„Ja, tiden går och man börjar bli gammal. Fram på höstkanten fyller jag tio år, och då har man väl sett sina bästa dar.”

(aus „Pippi går ombord”)

„Ja, die Zeit vergeht und man wird alt. Wenn der Herbst beginnt, werde ich zehn Jahre alt, und da hat man wohl seine besten Tage gehabt.“

(aus „Pippi geht an Bord“ (eigene Übersetzung))

Es sind Sätze wie diese, weshalb man Pippi einfach lieben muss. Auf herrlich kindliche Weise altklug stellt sie altkluge Sätze der Erwachsenen als das hin, was sie sind – Phrasen.

Vater liest Pippi Langstrumpf vor.
Ein Vater liest Pippi vor; Foto: Ann-Sofi Rosenkvist / imagebank.sweden.se

Pippi Langstrumpf – ein im besten Wortsinne merkwürdiger Name

Aber das ist nicht alles. Pippi fasziniert aus vielen Gründen. Nicht umsonst wurde sie mittlerweile in 77 Sprachen übersetzt. Dort firmiert sie unter vielen unterschiedlichen Namen. Im schwedischen Original heißt sie Pippi Långstrump. Pippi Langstrumpf im Deutschen oder Pippi Longstocking im Englischen sind nahe dran am Original. Im Französischen heißt sie Fifi Brindacier, im Arabischen Jinān dhāt al-jawrab al-ṭawīl. Selbst ins Schottisch-Gälische wurde Pippi übersetzt.

Astrid Lindgren selbst sagte einmal:

„Weil das ein merkwürdiger Name war, wurde es auch eine merkwürdige Figur.“

Astrid Lindgren

Und ja, Pippi Langstrumpf ist im wahrsten Sinne des Wortes merk-würdig. Denn hat man sie einmal kennengelernt, geht sie einem so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

Wer ist diese Pippi Langstrumpf?

Sie ist plötzlich da. Eines Tages zieht das neunjährige Mädchen mit den markanten roten Zöpfen und den vielen Sommersprossen in die Villa Kunterbunt am Rand eines fiktiven schwedischen Ortes ein. Pippi ist dabei vieles, aber eines gewiss nicht: normal. Sie ist stärker als alle anderen, hat eine Truhe voller Goldmünzen und ist damit finanziell völlig unabhängig. Sie ist schlagfertig, versprüht Witz und kümmert sich nicht um Regeln. Damit ist sie immer auch ein wenig Punk (und damit ihrer Zeit weit voraus).

Warum nicht mit den Schuhen auf dem Kopfkissen schlafen? Warum müssen die Füße beim Essen unterm Tisch sein, wo sie doch auf dem Tisch ganz wunderbar bequem liegen? Und Schule? Ja, Schule könnte deswegen ganz interessant sein, weil man dann auch Ferien hat. Und Ferien zu haben, ist definitiv etwas Wünschenswertes.

Pippi ist Punk und Anarchie – aber nicht nur.

Pippi Langstrumpf mit Kleiner Onkel
Pippi mit ihrem Pferd auf dem Cover einer Pippi Långstrump-Ausgabe; Cover: Rabén och Sjögren

Pippi hat zwei Haustiere – einen gepunkteten Schimmel und eine Meerkatze (in der Verfilmung wurde daraus das Totenkopfäffchen Herr Nilsson). Im Garten wächst angeblich ein Limonadenbaum. Wenn Pippi ihr Haus putzt, dann wird dies zu einer wilden Bürstenschuh-Party. Wenn Polizisten sie mitnehmen wollen, dann entwickelt sich daraus ein lustiges Katz-und-Maus-Spiel, an dessen Ende die Polizisten darum betteln, wieder vom Dach gelassen zu werden. In der ganzen Lebensweise von Pippi Langstrumpf liegt etwas Anarchisches. Sie lebt eben so, wie es ihr gefällt.

Das kann sie, weil sie zum einen finanziell unabhängig ist und zum anderen keine Eltern da sind, die sich um sie kümmern, sie erziehen und ihr sagen, wie sie zu leben hat. Ihr Vater räubert irgendwo in der Südsee herum, ihre Mutter ist schon seit längerem tot. Pippi ist, wie viele andere Helden aus Astrid Lindgrens Feder, ein einsames Kind. Wenn sie mit ihrer toten Mutter im Himmel spricht, dann wird ihre Stärke brüchig, dann zeigt sich eine große Verletzlichkeit unter der schlagfertigen Schale.

Trotz Superstärke keine Superheldin

Es ist diese Mischung, die Pippi so einzigartig macht. Trotz ihrer Superstärke ist sie keine Superheldin, sondern letztlich auch nur ein Kind, das ebenso gerne spielt, wie es sich nach elterlicher Wärme sehnt.

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