Land und Leute

Der Ostindienfahrer Götheborg – Untergang und Wiedergeburt

Ostindienfahrer Götheborg

Die Aufregung in den Straßen von Göteborg ist an diesem Tag überall zu spüren. Das Schiff ist gesichtet worden. In wenigen Stunden wird es einlaufen. Händler sammeln sich bereits am Kai. Mütter, Väter und Geschwister der so lange zur See fahrenden Männer stehen mit Freudentränen bereit, um die Heimkehrer wieder in die Arme zu schließen. 30 Monate war der Ostindiensegler Götheborg unterwegs in fernen Ländern. Jetzt, am 12. September 1745, kommt das Schiff endlich wieder heim. Es ist ein sonniger und schöner Herbsttag. Er ist der Tag, an dem die Götheborg sinken wird – nur 900 Meter vom Kai entfernt. 2008, also vor genau zehn Jahren, hatte ich das große Glück, auf dem Nachbau der Götheborg mitzusegeln. Ein doppelter Rückblick.

Ich habe es geschafft! Freudig halte ich das Schreiben in der Hand, in dem steht, dass meine Bewerbung Erfolg gehabt hat. Ich darf als Mitglied der Besatzung auf der Götheborg während ihrer Baltic Sea Tour mitsegeln.

Ostindienfahrer Götheborg
Der Ostindienfahrer Götheborg – ein Traum von einem Schiff

Wahnsinn – Segeln auf der Götheborg

Wenige Wochen später stehe ich in Visby auf Gotland vor dem imposanten Schiff. 58 Meter lang, 11 Meter breit. Groß ist es gewiss nicht, aber dennoch faszinierend. Mein Blick wandert an den drei Masten nach oben. Die Segel sind gerafft, doch wenn alle Segel gesetzt sind, dann hat das Schiff eine Gesamtsegelfläche von knapp 2000 Quadratmetern. 50 Meter ragt der größte Mast in die Höhe. Eine riesige Vorfreude breitet sich in mir aus. Denn bald werde ich dort oben herumklettern und Segel setzen und einholen können. Wahnsinn!

In der Takelage des Segelschiffs Götheborg
Ein aufregender Job – in der Takelage der Götheborg

Es ist absolut faszinierend, ein Schiff, das vor mehr als 250 Jahren gesunken und dann in Vergessenheit geraten ist, in voller Pracht wieder vor sich zu sehen. Genau so, wie die Götheborg jetzt vor mir steht, sah der Ostindiensegler auch im Jahr 1738 aus, als er in Stockholm zur See gelassen wurde. Nur der Motor, moderne Navigationsinstrumente und Brandschutzmaßnahmen sowie andere Modernisierungen (zum Beispiel in der Küche, die Duschen usw.) zeigen, dass es sich um einen Neubau handelt. Das Schiff an sich, die Masten, Segel, Taue, Anker, all das entspricht der Schiffsbauweise des 18. Jahrhunderts.

Maschinenraum im Nachbau des Ostindienfahrers Götheborg
Der Maschinenraum ist auf dem Stand der neuesten Technik
Anker lichten auf dem Ostindienfahrer
Der Anker wird jedoch auf ganz herkömmliche Weise gelichtet.

Die Götheborg – nur zwei erfolgreiche Fahrten

In dieser Zeit dauerte es nur etwa eineinhalb Jahre, um ein Schiff in dieser Größenordnung zu bauen. Die Götheborg wurde zwar in Stockholm gebaut, doch der Sitz der Schwedischen Ostindienkompanie befand sich in der Hafenstadt Göteborg – daher der Name des Segelschiffs. 830 Tonnen Last konnten transportiert werden. 30 Kanonen waren an Bord, um sich vor Seeräubern auf der gefahrvollen Fahrt nach China zu schützen. Über 140 Mann umfasste die Besatzung.

Zwei Fahrten nach China absolvierte die Götheborg erfolgreich. Voll beladen mit Tee, Gewürzen, Seide und Porzellan kehrte sie aus dem fernen Osten zurück. Etwa 260 Jahre später segelte die Replik des Segelschiffes entlang der historischen Route von Schweden aus um das Kap der Guten Hoffnung bis nach Kanton / China. Der Empfang des Nachbaus des Ostindienfahrers in China war triumphal. Das Schiff wurde zum Botschafter Schwedens in der asiatischen Welt. Die Rückfahrt des Nachbaus im Jahr 2007 verlief unproblematisch. Ganz anders als die Rückfahrt des Originalschiffs während seiner dritten Fahrt nach China.

Der Ostindienfahrer Götheborg

Rätselhafter Untergang

Diese dritte Expedition stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Ständig verzögerte sich die Fahrt aufgrund ungünstiger Winde. Der Monsun wurde verpasst, sodass die Besatzung mehrere Monate in Jakarta ausharren musste, ehe sie nach China weitersegeln konnten. Dann, nach 30 Monaten, erreichte sie endlich wieder die schwedische Küste. Nur noch wenige hundert Meter waren zu segeln, ehe man wieder auf heimischem Boden war. Auch der erfahrene Lotse Caspar Matthisson war bereits an Bord.

Doch dann.

Der Schock der Seeleute musste groß gewesen sein, als das Schiff auf ein Riff auflief. Und zwar ausgerechnet auf den Felsen Hunnebådan, der knapp unter der Wasseroberfläche lauerte. Jeder hier kannte diesen Felsen – und natürlich musste auch der Lotse davon wissen. Wie konnte es da geschehen, dass das Schiff ausgerechnet auf dieses bekannte Riff auflief und schließlich sank?

Kapitän Eric Moréen sagte später aus, dass das Wetter an diesem 12. September 1745 ideal für das Einlaufen in den Hafen war. Es war klar und der Wind wehte sachte aus Süd / Süd-West. Sowohl der Kapitän als auch der Lotse waren äußerst erfahrene Leute. Wieso also dieses Unglück?

Versicherungsbetrug als Ursache des Untergangs der Götheborg?

Zwei Theorien werden bis heute diskutiert: Manche gehen von Versicherungsbetrug aus. Der Ostindienfahrer sank zwar, doch war das Wasser an dieser Stelle nicht tief, sodass niemand ums Leben kam und nahezu die komplette Ladung geborgen werden konnte. Diesen Gewinn konnte die Ostindienkompanie also zusätzlich zum Versicherungsbetrag für das verlorengegangene Schiff einstreichen. Für das Unternehmen war dies somit durchaus rentabel.

Eine andere Theorie, die dem Unternehmen keine kriminellen Energien unterstellt, geht davon aus, dass ein sogenanntes „Totwasser“ die Ursache für den Untergang der Götheborg war, ein hydrografisches Phänomen, das auftreten kann, wenn Süß- auf Salzwasser trifft. Unterströmungen sorgen dafür, dass ein Schiff, das in diese Gewässer gerät, urplötzlich stehenbleibt. Wenn gleichzeitig Wind die Segel füllt und das Boot nach vorne treiben möchte, kann das Fahrzeug außer Kontrolle geraten und sich gegen den Willen des Steuermannes drehen. So könnte es gewesen sein, als die Götheborg plötzlich von der normalen Route abwich und auf Grund lief.

Mehr als 200 Jahre in Vergessenheit

Doch ganz gleich, was die Ursachen des Untergangs waren, entscheidend ist, dass das mächtige Segelschiff sank. Lange noch ragten die Überreste des Wracks aus dem Wasser heraus, bis es irgendwann verrottete, endgültig versank und in Vergessenheit geriet.

Mehr als 200 Jahre war die Götheborg vergessen – bis 1984 fünf Taucher an der Mündung des Göta älv 38 Stücke Porzellan, davon drei vollkommen unbeschadet, aus dem Meer fischten. Auf weiteren Tauchgängen fand man immer mehr Porzellan. Die Archive wurden durchstöbert, der Fundplatz näher untersucht. 1986 war dann klar, dass man das Wrack der Götheborg wiedergefunden hatte – oder zumindest das Wenige, was vom Schiff noch übrig geblieben war.

Schnell entwickelte sich die Idee: Die Götheborg soll zu neuem Leben erwachen. Eine Stiftung wurde gegründet, unzählige freiwillige Helfer und Unterstützer griffen dem Projekt finanziell und mit Arbeitskraft unter die Arme. Mitte der 1990er Jahre nahm das Unternehmen dann konkrete Formen an.

Figuren am Heck der Götheborg
Bis ins kleinste Detail – der Nachbau der Götheborg

Der zweite Bau der Götheborg

In der Werft Eriksberg in Göteborg, die den Betrieb bereits aufgegeben hatte, wurde der Kiel gebaut. Die Werft erhielt einen neuen Namen: „Nya Terra Nova“ – eine Anspielung auf die Werft „Terra Nova“, die im 18. Jahrhundert in Stockholm das Originalschiff gebaut hatte.  Die Aufgabe, die nun folgte, war enorm: Man wollte das Schiff möglichst originalgetreu nachbauen, dabei aber modernen Sicherheitsvorschriften entsprechen – schließlich sollte das Schiff komplett seetauglich sein. Eine Schmiede wurde eingerichtet, ebenso eine Tischler- und eine Mastwerkstatt. Mithilfe der Untersuchung des Wracks und historischen Beschreibungen aus dem 18. Jahrhundert gelang es, eine Konstruktionszeichnung zu entwickeln, die als Grundlage für den Nachbau diente. Die Herstellung der Nägel, Planken, Taue und Segel erfolgte mit den Werkzeugen, die man auch im 18. Jahrhundert zur Verfügung hatte. Dazu mussten sich die Schiffsbauer viel Wissen aneignen, welches heutzutage längst verloren gegangen ist. Daher dauerte der Nachbau auch nicht nur eineinhalb Jahre, wie es 1738 der Fall gewesen war, sondern ganze acht Jahre.

Schiffstaufe durch Königin Silvia

2003 ist es dann soweit: Unter den Augen von König Carl XVI. Gustaf, Königin Silvia und Prinz Carl Philip wird das Segelschiff zu Wasser gelassen. Ein Jahr später tauft die Königin die Götheborg und wieder ein Jahr später, im März 2005, erfolgt das erste Probesegeln.

Und dann kann es losgehen: Das Ziel heißt China – genau wie im 18. Jahrhundert. Ab 2005 segelt die Götheborg entlang der historischen Route, erreicht Kanton und kehrt 2007 unter dem Jubel der zehntausenden Schaulustigen nach Göteborg zurück – dieses Mal ohne auf Grund zu laufen. Der chinesische Präsident Hu Jintao legt extra einen Staatsbesuch in Schweden ein, um gemeinsam mit dem schwedischen König das Schiff zu empfangen. Der Nachbau ist ein voller Erfolg.

Mast der Götheborg
Die schönsten Augenblicke an Bord sind ganz oben.

Als Matrose auf der Götheborg

Ein Jahr später steht eine Rundreise über die Ostsee an. Um das Schiff segeln zu können, sind etwa 70 Leute nötig. Die meisten Hände werden gebraucht, um die riesigen Segel zu setzen und einzuholen.

Visby und die Götheborg
Kein schlechter Einstand: Arbeiten in der Takelage vor der Kulisse von Visby

Als einer von vielen Freiwilligen komme ich für zwei Etappen auf dieser Tour an Bord: Innerhalb von zwei Wochen geht es von Visby über Norrtälje nach Gävle. Wir werden in drei Teams von je 16 bis 18 Matrosen eingeteilt. Jedes Team arbeitet vier Stunden und hat dann acht Stunden frei. Wir „wohnen“ in einem kleinen Raum weit unter Deck, schlafen dicht an dicht in Hängematten, Privatsphäre gibt es nicht. Von Einzelkabinen, wie sie der Kapitän, der Steuermann und der Funker haben, können wir nur träumen. Aber so lebt es sich nun einmal auf einem Ostindienfahrer aus dem 18. Jahrhundert. Zumindest haben wir eine Dusche und die Verpflegung kann im Kühlschrank gekühlt werden. Das Leben an Bord ist hart. Doch im Vergleich zum Matrosenleben vor 260 Jahren ist es wahrscheinlich Luxus pur.

Glück und Freiheit in der Takelage
Geschafft – ganz oben auf der Götheborg

Deck schrubben und andere Tätigkeiten

Arbeit gibt es mehr als genug. Auch die „Klassiker“ wie Deckschrubben und Kartoffelnschälen sind dabei. Aber das macht nur einen kleinen Teil der täglichen Arbeit aus. Wenn wir in einem Hafen liegen, strömen die Besucher nur so herbei. Sie werden von uns über das Schiff geführt und wir stehen für Fragen zur Verfügung. Währenddessen müssen Gallionsfiguren, Planken und Anker neu gestrichen werden. Andere reparieren Taue und Segel. Wer gerade keine Schicht hat, musiziert oder genießt einfach still und leise, an Bord dieses herrlichen Schiffs zu sein.

Arbeit an Bord des Ostindienfahrers Götheborg
Auch Materialkunde steht auf dem Programm

Das Leben im Hafen ist spannend, schließlich stehen wir für je zwei bis drei Tage mitten im Fokus der Öffentlichkeit. Doch die besten Momente sind die, wenn wir die Segel setzen und übers offene Meer segeln. Dann müssen wir hoch in die Takelage klettern, um die Segel zu lösen oder wieder einzuholen. Dort oben, viele Meter über Deck, nur ein dünnes Seil, auf dem man steht, dort oben ist mein Lieblingsort. Manchmal klettere ich am Hauptmast bis zum höchsten Punkt. Hier sind die Wanten nur noch einen Fuß breit, der Wind bläst kräftig und das Schiff unter mir ist winzigklein. Ansonsten ist da nur noch Meer. Und Freiheit. Und Glück.

Nach zwei Wochen ist das Abenteuer jedoch schon wieder vorbei. Aber die Eindrücke bleiben.

Endgültig im Hafen angekommen

Der Ostindienfahrer Götheborg segelt noch in den Jahren danach ein paar kleinere Touren. Geplant ist ein zweiter Trip nach China. Doch es kommt nie dazu. Denn den Sponsoren wird der Unterhalt des Schiffs zu teuer. Und so fährt es schließlich zum letzten Mal in seinen Heimathafen Göteborg ein und legt in Eriksberg an Pier 4 an. Der Hafen, den das Original auf seiner dritten und letzten Fahrt nie mehr erreicht hat.

Hier liegt sie nun und kann besichtigt werden. Du möchtest die Götheborg kennenlernen und einmal an Bord gehen? Das Schiff liegt in Eriksberg am Pier 4 (Eriksberg Pir Fyra 2, 417 64 Göteborg). Im Sommer kann es täglich besichtigt werden, in den anderen Jahreszeiten nur an bestimmten Tagen. Weitere Informationen findest du unter www.soic.se.

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