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9 Gründe, warum du Schweden hassen kannst?

Zehn Gründe, warum man Schweden hassen kann

Gibt es das? Kann man das Land wirklich hassen? Eines schon mal vorneweg: Nein, das funktioniert nicht so recht…

Als wir im Sommer zehn Gründe vorgestellt haben, warum man Schweden lieben muss, hatten wir eine unglaublich lange Liste und standen vor der Herausforderung, uns auf zehn Aspekte zu beschränken. Wo Liebe ist, muss es doch auch Hass geben. Also haben wir uns auf die Suche nach zehn Gründen gemacht, weshalb man Schweden hassen kann. Nun ja, wir haben lange gesucht und am Schluss doch nur neun gefunden. Und selbst diese haben mit „hassen“ wenig zu tun. Es sind eher Dinge, die in Schweden vielleicht nicht ganz so toll sind oder die man kritisieren kann …

Und das ist unser Ergebnis (wir freuen uns auf deine Rückmeldungen und spannende Diskussionen):

 

  1. Brot oder was die Schweden Brot nennen

Was? Dieses Labbrige, Gummiartige, Federnde soll Brot sein? Ja, das soll es. Und schmeckt das? Nein, im Normalfall nicht. Wir müssen dazu sagen, dass die schwedische Brotkultur heutzutage im Vergleich zu vor zwanzig, dreißig Jahren einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht hat. Damals gab es nur das Labbrige. Heute eben auch das Gummiartige oder das Labbrige mit Preiselbeergeschmack. Es ist also eine regelrechte Vielfalt in die Brotregale der Supermärkte eingekehrt. Dort kauft man sein Brot auch, denn Bäckereien sind eine große Ausnahme. Vor allem für Süddeutsche, denen eine lebendige und vielfältige Bäckereienlandschaft ganz besonders am Herzen liegt, stehen oft mit verzweifelter Miene vor den in Plastik eingepackten Brotlaiben und drücken traurig auf ihnen herum, um zu sehen, wie lange sie brauchen, um wieder zu ihrer Ursprungsform zurückzufinden (nicht lange). Am Schluss hilft nur der Griff zum Knäckebrot, das ist zumindest etwas wirklich Schwedisches – und vor allem: Es ist hart.

 

  1. Mittsommer auf einem städtischen Campingplatz

Begeben wir uns auf eine Fantasiereise. Dort treffen wir Familie Becker. Der Van ist bis oben hin voll bepackt; zum ersten Mal geht es mit den zwei Kindern nach Schweden. Sie wollen entspannen und die vielbeschworene Ruhe, die man angeblich in Schweden finden kann, genießen. Das klappt auch ganz gut. Mitte Juni fahren sie an der Ostküste gen Norden. In Kalmar bewundern sie die Rosen, weiter nördlich die Schären von Sankt Anna. Nun nähern sie sich dem Highlight ihrer Reise: Stockholm. Sie haben extra so geplant, dass sie an Mittsommer in der Hauptstadt sind. Dann können sie die gesamte kürzeste Nacht des Jahres vor dem Familienzelt sitzen, gemütlich plaudern, vielleicht gemeinsam ein Spiel spielen, während es selbst hier, weit südlich des Polarkreises, nie komplett dunkel wird. Ein leichter Silberstreif ist immer zu erkennen. So weit der Plan.

Foto: Carolina Romare / imagebank.sweden.se
Midsommar-Idyll? Nicht unbedingt auf einem städtischen Campingplatz

Doch er hat einen Haken.

Neben Familie Becker und manchen anderen naiven Touristen machen sich nämlich auch unzählige Jugendliche auf, um die Mittsommernacht auf einem städtischen Campingplatz zu verbringen. Doch sie wollen nicht gemütlich und leise flüsternd vor ihren Zelten sitzen. Nein, sie wollen feiern, tanzen, krakeelen. Sie wollen Bier in Massen und den Schnaps, den man von der letzten Kreuzfahrt ins Baltikum mitgebracht hat, in sich hineinstürzen. Diese magische Nacht wird ihre Nacht.

Und leider nicht die von Familie Becker … Also: An Mittsommer wohin auch immer, aber nicht auf einen Campingplatz in der Nähe einer der großen Städte!

 

  1. Städteplanung

Geplant waren sie als zentrales Element des Wohlfahrtsstaates, in dem niemand zurückbleiben und keiner ausgeschlossen werden soll. Jeder sollte günstigen Wohnraum erwerben können. So entstanden Stadtteile wie Rosengård in Malmö, Biskopsgården in Göteborg und Husby in Stockholm. Wohnraum für viele tausende Menschen in Blocks und Hochhäusern, durchaus mit viel Grün dazwischen. So war es geplant.

Man hatte sich verplant.

verfehlte Städteplanung in Malmö
Gebäudekomplex „Chinesische Mauer“ in Rosengård, Malmö; Foto: Fred J

Die soziale Segregation hat mittlerweile mit aller Kraft zugeschlagen. In diesen Vororten leben viele Abgehängte und Migranten, die Jugendarbeitslosigkeit ist erschreckend, Gewalttaten deutlich häufiger als im restlichen Schweden. Kinder aus besser gestellten Familien werden an anderen Schulen außerhalb dieser Stadtteile angemeldet, sodass der Ausländeranteil an den Schulen oft bei 80 oder 90 Prozent liegt. Wenn Schüler aus dreißig, vierzig, teils fünfzig Nationen zusammentreffen und unterrichtet werden sollen, sind die Herausforderungen – nicht nur sprachlich – enorm.

Immer wieder sterben unschuldige Menschen in Schießereien zwischen irgendwelchen kriminellen Banden. Als in Göteborg ein kleines Kind ums Leben kam, weil jemand eine Handgranate durchs Fenster geworfen hatte, ging ein Aufschrei durchs Land. Doch verfehlte Stadtplanung lässt sich nicht so leicht lösen.

 

  1. Er? Sie? – „Hen!“

Die Schweden sind Vorreiter, wenn es um den Kampf gegen Diskriminierungen jedweder Art geht. Darauf sind sie stolz, und das zu Recht. Doch manchmal schießen sie dabei übers Ziel hinaus.

Es heißt jetzt „hen“. Das Kind in der Vorschule. Malte ist nicht mehr „han“, also er, Linda nicht mehr „hon“ (sie). Nein, unabhängig vom Geschlecht werden sowohl Malte als auch Linda „hen“ gerufen. Das geschlechtsneutrale Personalpronomen „hen“, ein Kunstwort, hat mittlerweile den Weg in Kindergärten, Vorschulen und Schulen gefunden. Vor allem wird es dazu genutzt, transsexuellen Menschen ein passendes Pronomen zu geben. Auch in Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt, wird es gebraucht. In akademischen Texten wurde es schon lange verwendet. 2015 fand es auch den Weg ins „Schwedische Wörterbuch“. All das ist nachvollziehbar. Sinnvoll.

Aber „hen“ nun auch in manchen Kindergärten und Schulen? Man kann das als fortschrittlich ansehen. Oder auch als maßlos übertrieben beziehungsweise völlig unnötig. Denn nur, weil ich alle „hen“ nenne, bleiben die Kinder eben doch Mädchen und Jungen. Sprache kann diskriminieren. Die Sprache geschlechtsneutral zu halten, verhindert aber nicht, dass diskriminiert wird.

 

  1. Dieser verdammte „sch“-Laut

Deutsche, die Schwedisch sprechen, erkennt man normalerweise bereits nach wenigen Worten. Zum einen haben die meisten große Probleme, von der typisch deutschen Erstsilbenbetonung abzuweichen und den schwedischen Akzent 2 anzunehmen. Bei diesem Akzent geht die Betonung auf der zweiten oder dritten Silbe nochmals nach oben, wodurch der angenehme Singsang des Schwedischen entsteht – oder eben nicht, wenn sich ein Deutscher in dieser Sprache versucht. Zum anderen gibt es da diesen seltsamen Laut, nicht „sch“, nicht „ch“. Er klingt wie ein lautes Ausatmen durch gerundete Lippen. Tonlos und zugleich doch nicht tonlos. Geschrieben wird er „sj“ oder „skj“ oder „sk“. Wer gleich mal üben mag, der kann sich an diesem Zungenbrecher die Zunge verknoten: Sjuttiosju sjuksköterskor på skeppet till Shanghai.“ Es bleibt zwar unklar, was siebenundsiebzig Krankenschwestern auf dem Schiff nach Shanghai wollen, aber das ist hier wohl auch weniger relevant.

Wenn du dich mit diesem Laut so gar nicht anfreunden kannst, dann halte dich am besten an die Schonen in Südschweden oder die Finnlandschweden. Dass sie anders sind, zeigen sie dadurch, dass sie auf den Laut pfeifen und einfach „sch“ sagen.

 

  1. Bloß keinen Streit

Im Land, in dem alles „lagom“, also genau das richtige Mittelmaß ist, streitet man nicht gern. Man diskutiert durchaus sachlich und auch kontrovers. Aber so richtig streiten? Jemandem mal klipp und klar die Meinung geigen? Dem gehen die meisten doch lieber aus dem Weg. Dinge bleiben so oftmals unausgesprochen, das reinigende Gewitter bleibt aus. Ob das wirklich gut ist?

 

  1. Systembolaget

Ältere Schweden hört man des Öfteren sagen, der Systembolaget, also der staatliche Alkoholhandel, wie man ihn heute kenne, sei fortschrittlich. Sie verweisen dann gerne auf früher, als man den Alkohol an einer Art Schalter kaufen musste. Man trat nach vorne, sagte, was man wollte, und die Bediensteten brachten die gewünschte Ware. Wie in einer Apotheke. Außerdem hatte der Systembolaget der alten Sorte nur montags bis freitags geöffnet. Da kann man also mit Fug und Recht behaupten, der moderne Alkoholmonopolist sei fortschrittlich, schließlich kann man sich frei durch die Regale bewegen und wählen, was einem gerade so in den Sinn kommt; und das sogar auch am Samstagvormittag!

vergangene Zeiten: Systembolaget ohne Selbstbedienung; Foto: Christian Koehn

Wenn du außerhalb der Öffnungszeiten des Systembolagets Alkohol kaufen möchtest, musst du dich mit leichteren Varianten begnügen (folköl mit 2,8% oder das Leichtbier, lättöl, mit 3,5%). Etwas anderes erhältst du in einem gewöhnlichen Supermarkt nicht.

Damit hat der Staat die vollkommene Kontrolle über das Geschäft mit dem Alkohol. Man mag das begrüßen, weil es für unter Achtzehnjährige zumindest schwerer (wenn auch sicher nicht unmöglich) ist, an Alkohol heranzukommen. Auch ist das Angebot durchaus gut sortiert und man findet immer wieder eine interessante Bier- oder Weinsorte, die man zuvor nicht gekannt hat.

Aber trotzdem: Irgendwie fühlt man sich doch entmündigt und eingeschränkt.

Ganz nette Sache nebenbei: Ich werde immer wieder von Schweden irritiert gefragt, weshalb man in Deutschland denn ausgerechnet an Tankstellen rund um die Uhr Alkohol kaufen könne. An die Tankstelle komme man für gewöhnlich mit dem Auto. Sollte es also nicht gerade dort keinen Alkohol geben? Irritationsmomente gibt es folglich auch umgekehrt.

 

  1. Mücken

Im Juli ist es besonders schlimm. Ganze Mückenschwärme können sich da auf dich niederstürzen, wenn du durch Lappland wanderst. Aber auch weiter im Süden können Stechmücken den Wohlfühlfaktor des schönsten Campingplatzes am gemütlichsten See erheblich mindern. Wir sprechen hier nicht von zwei, drei Mücken, die während eines Abends mal vorbeischwirren. Nein, es sind Myriaden von höllischen Viechern, die es offensichtlich nur auf dich abgesehen haben. Und sie treiben dich nicht nur in den Juckreiz, sondern vor allem in den Wahnsinn.

Ein Grund, Schweden zu hassen? Stechmücken
Knott; Bild: Halvard

Man kann es drehen und wenden, wie man will, die Mücken sind eine Plage. Da gibt es nichts schönzureden. Es gilt also, entsprechend vorzusorgen. Mückenspray ist Pflicht, für alle Lapplandwanderer auch stichfeste Kleidung und eventuell ein Moskitoschutz, den man sich vors Gesicht hängt. Sieht zwar wenig elegant aus, hilft aber. Oder man reist schon im Juni oder erst ab Mitte August. Da kann es natürlich schon wieder etwas kühler werden, aber die Mücken werden deutlich weniger.

 

  1. Privatsphäre? Keine Chance

„Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen“ …, trällerte 1977 Henry Valentino. Du möchtest mehr über den Wagen herausbekommen? Kein Problem: Einfach das Kennzeichen auf der Seite des transportstyrelsen eingeben und – schwups – liegen dir Informationen über das Auto vor. Kilometerstand, letzter TÜV, technische Daten. Mit ein wenig mehr Aufwand – jedoch nicht sonderlich viel mehr – erfährst du auch, wem das Auto gehört.

Gruseliger Gedanke? In Schweden Realität.

Jedes Jahr werden die größten Steuerzahler einer Kommune in der Lokalzeitung veröffentlicht, mit Name und Steueraufkommen. Im Taxeringskalender, den jeder käuflich erwerben kann, findest du auch Lohn und Steuerzahlungen deines Arbeitskollegen.

Du denkst, dass das niemanden etwas angeht? Dann ziehe nicht nach Schweden.

Der Grundgedanke, der hinter so viel Transparenz steckt, mag ein positiver sein. Ganz im Sinne der Demokratie soll den Herrschenden, also dem Volk, Zugang zu den Daten verschafft werden. Die Transparenz fördert eine offene Gesellschaft. Die Veröffentlichung des Steueraufkommens verbessere angeblich die Steuermoral. Außerdem erleichtere sie Gehaltsverhandlungen. Schließlich weiß man, was der Kollege, der die gleiche Arbeit verrichtet, verdient. Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen könnten so leichter ausgeglichen werden.

Wenn man bei hitta.se aber auch erfährt, welche Autos in deiner Wohngegend am liebsten gefahren werden, wer hier mit welchem Durchschnittseinkommen (und mit welchen durchschnittlichen Schulden!) wohnt, welche Partei besonders beliebt ist, dann erweckt dies eher einen anderen Eindruck: Von solchen Daten profitieren vor allem Unternehmen, die zielgenau werben wollen. Und auch der professionelle Einbrecher freut sich angesichts so viel Offenheit. Ob das dann auch mit dem Verweis auf die Demokratie legitimiert werden kann?

Ein bisschen mehr Privatsphäre wäre daher schön. Schließlich soll auch das junge Mädchen im Wagen vor dir ganz unbedarft über die Landstraßen rollen können.

 

 

Gibt es auch etwas, was dich an Schweden stört oder nervt? Dann schreibe uns im Kommentarfeld!

Du willst lieber wissen, warum Schweden so liebenswert ist? Dann solltest du hier weiterlesen.

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