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Mittelalterjuwel Vadstena

Vadstena Schloss Beitragsbild

Wenn man durch die engen Gassen von Vadstena schlendert und die übersichtliche Innenstadt in kurzer Zeit durchschritten hat, dann fällt es schwer zu glauben, dass dieser Ort ein ganz zentraler im schwedischen Mittelalter war. Aber genau das war Vadstena – ein religiöses und geistiges Zentrum.

Altstadt von Vadstena
Gemütliche Straße in Vadstena; Foto: Bruno Möhler

In Vadstena leben heute ungefähr 6000 Menschen. Die Stadt ist hübsch am östlichen Ufer des Vättern gelegen, besitzt einige schöne, enge Gassen und einen Marktplatz mit einer Eisdiele, einem Coop und einem Restaurant. Eine Kleinstadt eben.

Weit gefehlt.

Vadstena mag eine Kleinstadt sein, aber sie hat es in sich. Wenn man auf dem Marktplatz steht, bekommt man ein erstes Gefühl dafür. Denn neben Coop, Eisdiele und Restaurant steht hier noch ein anderes Gebäude: Hoch ragt der wuchtige weiße Turm in die Höhe. Er wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen – und genau das ist er. Der Turm gehört zum Rathaus Vadstenas, er steht schon seit dem 15. Jahrhundert hier und ist damit das älteste bewahrte Rathaus Schwedens.

Idyllische Lage am Ufer des Vättern

Vadstena – eine alte Stadt und weit mehr als nur eine Kleinstadt

Vadstena ist eine alte Stadt. Viele Häuser, die das Stadtbild prägen, stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Manche hingegen reichen bis ins Mittelalter zurück und damit in die Zeit, in der Vadstena seine Blütezeit hatte. Das Rathaus zum Beispiel. Oder das Bischofshaus (Biskopshuset) aus dem Jahr 1474 oder der rote Turm (Rödtornet), das Überbleibsel einer mittelalterlichen Kirche. Und dann natürlich das Kloster.

Der rote Turm (Rödtornet) in Vadstena

Die Blüte Vadstenas ist ohne das Kloster nicht denkbar. Und das Kloster nicht ohne die Heilige Birgitta. Mit bürgerlichem Namen hieß die Theologin, Ordens- und Klostergründerin Birgitta Birgersdotter. Sie entstammte dem Hochadel, war mit dem König verwandt, lebte im 14. Jahrhundert lange in Schweden und später in Rom, wo sie 1373 verstarb. Bereits 1391 wurde sie heilig gesprochen. Aufgrund der vielen Offenbarungen, die sie hatte, galt sie vielen aber schon zu Lebzeiten als Heilige. Ihre Gebeine wurden von Rom zurück nach Schweden gebracht, genauer: nach Vadstena.

Schwedens wichtigster Pilgerort

Dort stand bis dahin ein königlicher Palast, der sog. Bjälbopalatset (das Haus Bjälbo war eines der mächtigsten Adelsgeschlechter zu dieser Zeit). König Magnus Eriksson und Königin Blanka von Namur, die Birgitta nahestanden, stifteten diesen Palast und Birgitta plante und konzipierte das Kloster, das hier entstehen sollte. Einweihen konnte sie es nicht mehr, denn die feierliche Zeremonie fand erst 1384, elf Jahre nach ihrem Tod, statt.

Aber ihre Reliquien fanden den Weg hierher und so stieg das Kloster innerhalb kürzester Zeit zum wichtigsten Pilgerort Schwedens auf. Viele Adlige förderten das Kloster mit Schenkungen, sodass es schon bald nicht nur das geistige Zentrum Schwedens, sondern auch dessen größter Landbesitzer wurde.

Im Inneren der Klosterkirche in Vadstena
Im Inneren der Klosterkirche in Vadstena

Ein Kloster voller Gerüchte und Geschichten

Das Kloster hatte große Macht und viel Einfluss. Da es sowohl ein Mönchs- als auch ein Nonnenkloster war, entstanden aber auch bald erste Gerüchte – und manche Geschichten sind wohl nicht nur Gerüchte. Die Mönche und die Nonnen lebten zwar in unterschiedlichen Trakten, aber eben doch in einem Kloster zusammen. Muss es da nicht schwer sein, ganz und gar asketisch und jungfräulich zu leben? Geschichten machten die Runde, wie Nonnen im Weinkeller der Mönche wilde Feste feierten. Gegenseitige Besuche in den Zellen waren angeblich auch keine Seltenheit.

Zugleich war das Kloster aber auch ein Ort, in das man seine Töchter geben konnte, wenn sie einen Mann begehrten, den der Vater sicher nicht als Schwiegersohn sehen wollte. Dies widerfuhr 1526 der kleinen Agda, Tochter eines reichen Händlers. Sie liebte den armen Olof sehr, aber ihr Vater Mickel hatte eine bessere Partie für sie in Aussicht. Er verbot den beiden Liebenden, sich zu sehen, was Olof offensichtlich so sehr traf, dass er verstummte. Daher trägt er auch den Beinamen „der Stille“ (Olof Tyste). Vor die Wahl gestellt, entweder einen vermögenden Mann zu heiraten oder ins Kloster zu gehen, entschied sich Agda fürs Kloster. Doch im Geheimen trafen sich Agda und Olof weiter; nach einem Jahr kletterte sie über die Klostermauer, rannte zum Seeufer, wo ihr geliebter Olof schon mit dem Ruderboot wartete und sie über den Vättern davonruderte.

Ziemlich romantisch, aber auch ziemlich gefährlich. Nonnen, die gegen das Keuschheitsgelübde verstießen, konnte zu dieser Zeit mit dem Tod durch lebendiges Begraben bestraft werden. Der Bischof jedenfalls zeigte Härte. Er legte den Kirchenbann über die beiden. Jeder durfte sie töten, niemand durfte ihnen helfen.

Doch just zu diesem Zeitpunkt verweilte der neue König Gustav Vasa in Vadstena. Agda und Olof wandten sich direkt an ihn und er – der gnädige König – gab den beiden ihren Segen und zwang den Vater Mickel, die Ehe der beiden zu akzeptieren.

Niedergang mit der Reformation

Wie viel an dieser Geschichte wahr ist und was Teil der königlichen Propaganda ist, lässt sich nicht mehr klären. Fakt ist jedoch, dass König Gustav Vasa eine entscheidende Rolle für den Niedergang des Klosters spielte. 1527 wurde unter seiner Regentschaft die Reformation in Schweden durchgeführt und dadurch die Abwicklung aller Klöster eingeleitet. Das Eigentum des Klosters Vadstena wurde eingezogen, es durfte keine Novizinnen und Novizen mehr aufnehmen. 1555 wurde das Mönchskloster geschlossen und 1595 schließlich auch das Nonnenkloster.

Zugleich erhielt Vadstena in dieser Zeit seine zweite große Sehenswürdigkeit. Denn Gustav Vasa ließ ein mächtiges Schloss bauen, das bis heute den Hafen bewacht.

Das Schloss in Vadstena

Das Kloster stand zunächst leer, ehe es im Zuge des Dreißigjährigen Krieges zu einem Soldatenheim umfunktioniert wurde. Später beherbergte es ein Hospital für Geschlechtskrankheiten, ein Lazarett, das Nonnenkloster war für kurze Zeit ein Gefängnis, später wurde eine Nervenheilanstalt eingerichtet. Heute befinden sich ein Gästehaus und ein Hotel in den Räumlichkeiten.

Klosterhotel Vadstena
Heute ein Gästehaus – das alte Kloster

Rückkehr nach Vadstena

Der Birgittenorden (oder auch Erlöserorden) kehrte übrigens 1935 nach Vadstena zurück. Nur ein Steinwurf vom alten Klostergelände wurde ein neues gegründet, in dem die Nonnen bis heute leben – die heutige Abtei Pax Mariae.

Die alte Klosterkirche steht wie vor mehreren hundert Jahren an Ort und Stelle und erzählt von der Bedeutung, die dieser Ort einmal hatte. Ein Ort, der aufgrund dieser Geschichte eben mehr ist als nur eine Kleinstadt.

 

Daher gehört Vadstena unserer Meinung nach auf die Liste der 15 schönsten Städte Schwedens.