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Die Schweden und ihr Nationalfeiertag

Feierlichkeiten in Stockholm zum Nationalfeiertag am 6. Juni

Der 6. Juni 2005 ist mir gut in Erinnerung geblieben. Schwedischer Nationalfeiertag. Und das in der Hauptstadt. Die Erwartungen waren groß. Doch dann: ein bisschen Fahnenschwenken, ein paar Reden, ein kleinerer Umzug. Nur wenige Wochen zuvor, am 17. Mai, hatten die in Stockholm lebenden Norweger ihren Nationalfeiertag deutlich pompöser gefeiert. Gut, das war die hundertjährige Feier der Loslösung Norwegens von Schweden, vielleicht ein Grund, besonders intensiv zu feiern. Aber dennoch blieb die Frage, weshalb die Schweden ihren eigenen Nationalfeiertag so zurückhaltend, ja, beinahe schon zögerlich begingen. Dabei sind sie doch sonst nicht so zurückhaltend, wenn es darum geht, Flagge zu bekennen.

Was feiern die Schweden am 6. Juni überhaupt?

Vielleicht liegt die Zurückhaltung ja im Ereignis, das gefeiert wird, begründet. Oder besser: den Ereignissen. Es sind keine Tage, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind oder deren Bedeutung jedem sofort ins Auge sticht. Nicht etwa wie bei den USA, die am 4. Juli ihre Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren bejubeln. Dies ist ein Tag, der das Selbstverständnis der Amerikaner bis heute beeinflusst. Anders ist es in Schweden.

Beginn des schwedischen Nationalstaats

Am 6. Juni 1523 bestieg Gustav Vasa in Strängnäs den Königsthron. Das klingt zunächst einmal nach nichts Besonderem, doch für die schwedische Geschichte ist dies bedeutend. Denn die Wahl Gustav Vasas bedeutete den Austritt des geeinten Schwedens aus der Kalmarer Union und damit die Abschüttelung der dänischen Vorherrschaft. Diese seit 1397 bestehende Union der Reiche Schweden, Dänemark und Norwegen wurde von einem König beherrscht, zu Gustav Vasas Zeiten war dies der dänische König Kristian II. Dem schwedischen Adligen gelang es, dem übermächtigen Dänen die Stirn zu bieten und ihn schlussendlich zu besiegen. Als er zum König gewählt und damit der Austritt Schwedens aus der Union besiegelt wurde, endete somit eine Epoche. Und eine neue begann: die des schwedischen Nationalstaats und der schwedischen Großmachtzeit.

Reform der Verfassung als Nationaltag?

Die Wahl (wohlgemerkt nicht die Krönung!) Gustav Vasas zum König ist daher ein einschneidendes Ereignis in der schwedischen Geschichte und bietet sich damit durchaus als Nationalfeiertag an. Außerdem trat am 6. Juni 1809 eine Verfassungsreform in Kraft, die die Macht des Königs beschränkte und die Gewaltenteilung neu und klarer ordnete. Für die Entwicklung der Demokratie in Schweden absolut bedeutend. Aber kann eine solche Reform Anlass sein, über zweihundert Jahre später Fähnchen schwenkend am Wegesrand zu stehen und sein Land zu feiern? Schwerlich. Gustav Vasas Königswahl bietet da schon ein wenig mehr Identifikationspotenzial. Immerhin ist man seitdem die Dänen los.

Ein langer Weg zum Nationalfeiertag

Und trotzdem: Es dauerte lange, bis dieser Tag zum Nationalfeiertag wurde, an dem nicht gearbeitet wird. Eine wichtige Rolle spielte dabei Artur Hazelius, der Gründer des Skansen. Um mehr Leute in das große Stockholmer Freilichtmuseum zu locken und um dem nationalistischen Eifer dieser Zeit gerecht zu werden, ordnete er Anfang Juni 1893 einige nationale Feierlichkeiten an. Doch es regnete an allen Tagen, sodass nur wenige Besucher kamen. Außer an einem: Am 6. Juni – so sagt man zumindest – schien die Sonne, die Besucher kamen in Strömen und es wurde ausgiebig das Land und die Flagge gefeiert. Seitdem wurde der 6. Juni als Nationaltag im Skansen begangen. Seit 1916 wurde dann offiziell geflaggt, doch erst 1983 wurde der Tag auch zum offiziellen Nationaltag.

Ausländer wundern sich, warum die Schweden ihren Nationalfeiertag nicht feiern

Doch noch immer war der 6. Juni kein Tag, an dem Arbeitnehmer frei hatten. Es wurde zwar geflaggt, aber selten wirklich gefeiert. Ausländer wunderten sich darüber, was für die Schweden wiederum Anlass war, darüber nachzudenken. 2005 kam dann die entscheidende Änderung: Damit der Tag auch wirklich gefeiert werden konnte, also im wörtlichen Sinne ein Nationalfeiertag wurde, musste er arbeitsfrei werden. Schon fürchtete die schwedische Wirtschaft Nachteile, wenn die Arbeitnehmer einen Tag pro Jahr mehr frei hätten. Diskussionen folgten: Christi Himmelfahrt stattdessen abschaffen? Oder doch den Pfingstmontag?

Die Wahl fiel schließlich auf den Pfingstmontag, sehr zum Ärger der Gewerkschaften, da dieser Feiertag schließlich immer auf einen Werktag fällt, wohingegen der 6. Juni auch an einem Wochenende liegen kann. Der Feiertagstausch ging folglich zu Lasten der Arbeitnehmer. Aber dafür haben die Schweden jetzt einen Tag, an dem sie alle zusammen ihr Land und ihre Flagge feiern können. Und das machen sie von Jahr zu Jahr mehr. 2005 war es noch recht dürftig. Doch mittlerweile haben sie das Feiern gelernt.

Beitragsbild: Ola Ericson / imagebank.sweden.se

Am Nationalfeiertag wird natürlich auch die schwedische Nationalhymne gesungen. Wir haben uns den Text und die Geschichte ein wenig näher angeschaut.