Kategorie: Auswandern

Viele hegen den Traum, nach Schweden auszuwandern. Dieses große Projekt sollte gut überlegt und vorbereitet sein, damit es auch ein Erfolg wird.

Auswanderer-Geschichten 6: der Traum vom eigenen Reiterhof

Reiterhof in Schweden

Sie wollte nicht auswandern, doch bei der Aussicht auf einen eigenen Reiterhof wurde sie schwach. Nach Jahren des Pendelns zwischen Schweden und Deutschland ist Melanie inzwischen voll in Schweden angekommen:

Viele sagen uns immer, wie mutig es doch war, auszuwandern. Ich selbst weiß, dass wir viel Glück gehabt haben. Aber wir haben uns das Glück auch erarbeitet und Chancen, die sich uns geboten haben, wahrgenommen. Glück allein hilft nichts, wenn man es im richtigen Moment nicht annimmt.

Aber zurück zum Anfang: Ich wollte eigentlich nie auswandern, meinen Mann zog es schon länger aus dem übervollen Deutschland heraus und das entschleunigte Skandinavien war genau sein Ort. Aus verschiedenen Irrungen und Wirrungen heraus suchten wir dann irgendwann ein neues Heim für uns, unsere drei Pferde, sieben Frettchen und einen Hund. Und als ich so durch die Online-Magazine im Pferdebereich stöberte, tauchte die Anzeige auf:

„Reiterhof in Südschweden zu verkaufen“

Bei dem Bild wurde ich direkt schwach. Und endlich mein Hobby zum Beruf machen? Verlockend. Zwei Tage Bedenkzeit gab ich mir und reichte dann die Anzeige an meinen Mann weiter. Der Rest wurde (fast) zum Selbstläufer: Der Hof war so gelegen, dass man von uns aus mit RyanAir billig in die Nähe (ca. 60 km – Växjö) fliegen konnte. Anschauen war also problemlos möglich.

Aber die Flugverbindung öffnete uns nicht nur die Tür zum Anschauen, sondern auch den Gedankengang: Kann ich meinen Job behalten? Konnte ich: Mit einer Mischung aus Homeoffice und Pendeln nach Deutschland konnten wir mit Netz und doppeltem Boden die Auswanderung in Angriff nehmen. Im Oktober 2011 flogen wir rüber und schauten uns verschiedene Häuser an, aber es war schnell klar, dass nur DAS Häuschen in Frage kam. Zumal die Besitzer uns ermöglichten, das Haus erstmal zu mieten, da wir mit einer deutschen Bank kein schwedisches Liebhaberobjekt finanziert bekamen und die schwedischen Banken auch nicht „Juhu“ schrien.

Umzug mit Sack und Pack, Pferden und Frettchen

Im Juli 2012 war es dann so weit: Wir packten unsere Koffer und alle Tiere ein und auf ging es nach Schweden. Der Umzug verlief etwas chaotisch, da uns das Umzugsunternehmen einfach sitzen ließ. So mussten wir kurzfristig noch einen LKW organisieren und alles selbst machen. Der schöne Plan mit Fahrerwechsel und einem lockeren Losfahren am Montagnachmittag war dahin. Wir aktivierten alle Freunde und Bekannte und konnten nachts um 22:30 die Klappe des LKWs schließen. Nach zwei Stunden Ruhezeit sind wir dann los, 17 Stunden später (wir brauchten einfach viele Pausen) waren wir endlich im neuen Heim angekommen und wurden herzlich begrüßt.

Die Hauseigentümer halfen uns wirklich viel. Schließlich führten sie selbst 20 Jahre lang einen Reitbetrieb, den sie nur aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben hatten. Die Freude war einfach groß, dass endlich wieder Pferde einzogen. Sie waren es auch, die uns beim Aufbau unserer kleinen Ranch halfen: Welche Anträge muss man bei wem stellen usw.? Ehe ich mich versah, hatte der Reiterhof auch eine Facebook-Seite. Im April 2013 konnten wir dann offiziell mit dem Segen des Skatteverkets eröffnen. Natürlich musste unser Pferdebestand wachsen und ich konnte meine schwedischen Sprachkenntnisse erweitern. Die ersten Reitgäste (Touristen aus der Umgebung) kamen dann im Sommer, sowie auch die ersten schwedischen und deutschen Reitschüler.

Reiterhof in Schweden
Der Reiterhof wächst

Der Reiterhof wächst schnell

Im Folgejahr beschlossen wir, dass wir eine eigene Unterkunft für Reitgäste benötigen, woraufhin mein Mann seine erste kleine Stuga mit 20 qm baute. Das ist ja glücklicherweise alles sehr unkompliziert hier. Reitferien in Schweden waren eine Marktlücke und so waren wir direkt im ersten Jahr gut ausgebucht. Je mehr aber die Ranch wuchs, desto weniger konnte ich mein Arrangement mit meinem deutschen Arbeitgeber halten und so einigten wir uns nach zweieinhalb Jahren Pendeln darauf, dass ich nur noch selbstständig für meine alte Firma tätig bin und meine Zeit besser einteilen kann. Wir hatten schon sehr viel Glück, dass sich mein alter Arbeitgeber darauf einließ, aber ich hatte natürlich in den Vorjahren auch viel dafür gearbeitet, dass ich ihm wichtig genug für ein solches „Experiment“ war.

Die Eltern ziehen ebenfalls nach Schweden

Unser Reiterhof sollte aber noch weiter wachsen. Denn es bot sich die Gelegenheit, dass wir – nachdem der Kauf unseres kleinen Hauses doch durch die schwedischen Banken goutiert wurde – auch noch das Nachbarhaus kaufen konnten. Wir kalkulierten es durch, sprachen mit meinen Eltern – und ein paar Monate später zogen noch zwei Deutsche nach Schweden. Das Nachbarhaus hat zwei Wohneinheiten und so wohnen jetzt meine Eltern dort und wir haben noch eine Ferienwohnung zur Vermietung.

Der Umzug meiner Eltern war auch ein Glückstreffer, da im Dezember 2016 unser kleiner Sohn die Familie komplettierte. Endlich fühlten wir uns so wohl, dass wir eine Familie gründen wollten. Und mit der Oma in der direkten Nachbarschaft läuft es wie geschmiert.

Du möchtest Urlaub auf dem Reiterhof Ranch 52 machen? Hier findest du weitere Informationen.

Ausflug auf dem Reiterhof
Reitausflug in Schweden

Was sind die Vorteile an Schweden?

  • die Ruhe und Gelassenheit, viel Natur und viel Platz, wenig Menschen
  • wir haben eine tolle Nachbarschaft, die uns sehr unterstützt (und sich freut, dass mal wieder etwas los ist)
  • keine Staus; man braucht die Zeit für eine Strecke, die man einfach braucht. Das ist wirklich ein großer Stressfaktor in Deutschland und immer wieder ein Grund, dass ich mich nach Schweden sehne, wenn ich in Deutschland bin.

Was sind die Nachteile an Schweden?

  • manchmal kann einen die Gelassenheit schon in den Wahnsinn treiben.
  • wenig Menschen bedeutet auch ein kleineres Angebot an so gut wie allem; Ebay funktioniert hier nicht, blocket.se ist nicht vergleichbar; wir bestellen schon viel in Deutschland, da das Angebot und Preis-Leistungs-Verhältnis einfach besser ist.
  • Tierärzte! – wenn man mal einen bekommt, dann sind sie unglaublich teuer. Dienstleistungen insgesamt sind sehr teuer und man lernt, vieles einfach selber zu machen, was durchaus auch als Vorteil zu bewerten ist (manchmal ist die eigene Arbeit sogar qualitativ besser, die handwerkliche Ausbildung in Schweden reißt mich bislang nicht vom Hocker).

Durch diesen Blogbeitrag stieß das ZDF auf Melanies Reiterhof und stattete ihm einen Besuch ab. Herausgekommen ist dieser sehr sympathische Beitrag:

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Alle Bilder in diesem Artikel: Melanie Gruner

Auswanderung nach Småland – nie geplant, heute selbstständig

Auswandern nach Schweden - nicht geplant, trotzdem gut

Rike, Sven und ihr Belgischer Schäferhund John hatten nie vor auszuwandern, sie hatten nicht einmal daran gedacht. Und doch leben sie seit vier Jahren in Schweden. Genauer gesagt im südlichen Småland, ca. 60 Kilometer nördlich von Karlskrona. Das Leben verläuft manchmal eben ganz anders als geplant. Dass dies nicht immer schlecht sein muss, zeigt ihre Geschichte:

Viele Menschen träumen davon, in Schweden zu leben, und versuchen teilweise mit Biegen und Brechen diesen Traum zu verwirklichen. Uns ist das Ganze eher zugeflogen. Ich habe vor etwas über fünf Jahren das Angebot bekommen, bei einer Ferienhausvermittlung zu arbeiten. Für mich war das interessant, für meine Lebensgefährtin eher weniger. Sie konnte sich nicht vorstellen auszuwandern. Es gelang mir jedoch, sie zu überreden, einmal mit mir nach Schweden zu reisen, um sich das Land anzusehen. Wir beide waren vorher nie in Schweden und hatten auch gar keinen Bezug zu dem Land. Das Einzige, was ich mit Schweden verbunden hatte, waren Knäckebrot, Elche und Astrid Lindgren.

Schäferhund im Wald in Schweden
Auch Schäferhund John fühlt sich in den schwedischen Wäldern wohl.

Geplant war die Auswanderung nie; der erste Schwedenbesuch ändert das aber

Also machten wir uns im Frühsommer 2013 auf nach Schweden, das erste Mal. Empfangen wurden wir von meinem zukünftigen Arbeitgeber, welcher uns mit der Gegend bekannt machte. Die Natur war der Wahnsinn, so viele Seen und nicht enden wollende Wälder. Das war schon sehr beeindruckend, auch meiner Lebensgefährtin gefiel es und so langsam schwand ihre Ablehnung zum Thema auswandern.

Nach einem weiteren Besuch im Spätsommer 2013 entschieden wir uns nach reiflicher Überlegung für eine Auswanderung nach Schweden. Da wir viel Zeit zur Vorbereitung hatten und tatkräftig von meinem zukünftigen Arbeitgeber unterstützt wurden, konnten wir die Auswanderung ganz genau planen.

Die Planung der Auswanderung beginnt: Schwedisch lernen, Haus kaufen

Das Wichtigste war erst einmal, die Sprache zu lernen. Zwar wusste ich, dass bei meinem zukünftigen Arbeitsplatz hauptsächlich deutsch gesprochen wird, jedoch war es uns sehr wichtig, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem wir leben werden.
Also ging es direkt in den VHS-Kurs für Anfänger. Zusätzlich half uns die Sprachseite Babbel beim Lernen.
Recht schnell merkten wir, dass die Sprache an sich nicht allzu schwer ist. Es gibt viele Parallelen zur deutschen und zur englischen Sprache.

Das Schwedisch-Lernen hatten wir also schon mal in Angriff genommen. Als Nächstes ging es um die Wohnungssuche. Schnell stellten wir fest, dass es fast unmöglich ist, eine Wohnung zu mieten, gerade in kleinen Dörfern – denn es gibt so gut wie keine Mietwohnungen. Niemals hätten wir daran gedacht, dass wir uns ein Haus kaufen könnten. Doch dann sahen wir die Immobilienpreise und trauten unseren Augen nicht! Die Immobilienpreise sind absolut nicht vergleichbar mit Deutschland. Wir schauten uns einige Häuser an und machten dann ein echtes Schnäppchen. Ein frisch renoviertes und einzugsfertiges Haus für einen Preis, der in Deutschland maximal für ein Baugrundstück reicht!

Nie geplant, trotzdem gut: auswandern nach Småland
Es war nie geplant, aber dennoch ist alles gut: in der neuen Heimat in Småland

Dank guter Vorbereitung eine „unspektakuläre“ Auswanderung

Das ging überraschend schnell. Der gesamte Umzug und alle Formalitäten, wie die Beantragung der so wichtigen Personennummer, waren kein Problem und verliefen absolut reibungslos. Ich muss wirklich krampfhaft überlegen, was nicht gut gelaufen ist bzw. was wir anders machen würden, wenn wir die Möglichkeiten hätten – mir fällt jedoch nichts ein.

Insgesamt betrachtet ist unsere Auswandergeschichte eher langweilig und unspektakulär, da wir viel Zeit zur Vorbereitung hatten und bereits einige Monate vor dem Umzug alles regeln konnten.

Wir lebten uns schnell gut ein. Hier und da gab es jedoch Dinge, an die wir uns erstmal gewöhnen mussten. Der erste Gang zum Briefkasten war zum Beispiel etwas verwirrend. Lange suchte ich nach einem Schloss – vergebens. Die Briefkästen sind hier in Schweden einfach offen bzw. haben nur einen unverschlossenen Deckel. Noch irritierter war ich, als ich bei der Anmeldung unseres Autos erfuhr, dass die Nummernschilder für das Auto nach Hause geschickt werden. Und tatsächlich, wenige Tage später ragten die Nummernschilder weit aus den Briefkasten heraus.

Ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig ist die Ruhe und Gelassenheit der Schweden. An der Supermarktkasse unterhalten sich Kunde und Kassierer/in gerne mal fünf Minuten, ohne dass die wartenden Kunden nervös werden. Gleiches gilt im Straßenverkehr – 5 oder 10 km/h langsamer als erlaubt bringt die wenigsten Schweden aus der Ruhe. Das kennt man aus Deutschland ganz anders. Nach gut vier Jahren haben wir uns daran gewöhnt und sind merklich ruhiger auf deutschen Straßen unterwegs, oder haben es nicht mehr ganz so eilig an Kassen.

Alles lief gut, dann kam die Kündigung

Bis zum Frühsommer letzten Jahres hätte alles nicht besser laufen können. Doch dann kam die Kündigung vom Arbeitgeber aufgrund von „arbetsbrist“, zu Deutsch: Arbeitsmangel. Der erste Gedanke war: „Oh nein, wir müssen zurück nach Deutschland“. Dabei hatten wir uns so gut eingelebt, hatten noch Einiges ins Haus investiert, wie neue Fenster und einen Glasfaseranschluss.

Der Stellenmarkt gibt gerade im ländlichen Bereich nicht viel her und mein Schwedisch würde für meinen gelernten Beruf (Bankkaufmann) nicht ausreichen. Auch das schwedische Arbeitsamt versprach wenig Erfolg.

Am Ende blieben nur zwei Möglichkeiten: zurück nach Deutschland oder selbstständig machen. Nach reiflicher Überlegung und Beratung mit der Familie in Deutschland entschieden wir uns für die Selbständigkeit. Dank ausreichender Rücklagen konnten wir das Ganze umsetzen.

Der Start in die Selbstständigkeit

Im Sommer 2017 starteten wir mit der Konzeption der Firma und mit allen Vorbereitungen, wie zum Beispiel der Programmierung unserer Homepage, das Herzstück der Firma. Im Oktober 2017 ging unserer Homepage dann online und seitdem geht es stetig bergauf.

Die Firma trägt den Namen Schwedenliebe. Unsere Liebe zu Schweden ist in den vier Jahren gewachsen und dieser Name passt einfach wie die Faust aufs Auge. Der Schwerpunkt unserer Firma liegt auf der Vermietung von Ferienhäusern in Südschweden. Der Markt und die Nachfrage im Bereich Ferienhäuser ist unheimlich groß. Wir wollten das Ganze etwas anders als andere Anbieter machen. So besichtigen wir grundsätzlich jedes Haus persönlich und erstellen hochwertige und professionelle Bild- und Filmaufnahmen, inklusive Luftaufnahmen. Weiterhin werden wir im Frühsommer Präsentations- und Informationsfilme zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten in ganz Südschweden produzieren. Dieser Weg scheint der richtige zu sein. Bisher haben wir durchweg positives Feedback erhalten, was uns zeigt, dass wir bisher vieles richtig gemacht haben.

Startseite schwedenliebe.com
Die Startseite von schwedenliebe.com und zugleich der Start in die Selbstständigkeit

Bei der Gründung der Firma hat sich unter anderem gezeigt, wie viel unbürokratischer Schweden ist. Eine Firma in Schweden zu gründen, ist so viel einfacher und unkomplizierter als in Deutschland. Man kann die ganze Firma von zu Hause aus anmelden und registrieren, in wenigen und einfachen Schritten.

Dazu muss ich auch die Kommune Emmaboda, in der wir leben, und verschiedene Institution im Kalmar län positiv hervorheben. Es ist schön zu sehen, wie neue Firmen unterstützt werden. Es gibt viele Beratungsstellen und Seminare. Das hat uns in einigen Bereichen unendlich weitergeholfen!

 

Wir sind gespannt, wohin die Reise geht. Wir hoffen, dass wir in Schweden alt werden können und in Zukunft anderen Menschen mit unserer Firma einen Arbeitsplatz bieten können.

 

Hej då från Vissefjärda

 

 

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Auswanderer-Geschichten 4: Alles nur ein Traum?

Auswandern nach Småland - ein Traum

Inka wanderte mit ihrem Mann 2015 nach Schweden aus. Der Neustart ging zu leicht. Manchmal haben beide Angst, aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum war.

Der Arzt schaut meinen Mann mit großen Augen an und schluckt. Er sagt nichts weiter dazu, das machen die Schweden fast nie. Aber man merkt ihm an, wie verstört er ist. Die beiden haben nach der Behandlung im Sprechzimmer noch ein wenig geplaudert. Er wollte wissen, was zwei Deutsche dazu bringt, ausgerechnet nach Schweden zu ziehen. Mein Mann erzählt ihm, dass wir uns ein ruhigeres und naturverbundeneres Leben gewünscht haben. Ohne Nachbarn, die einen jedes Wochenende in die Waschstraße schicken wollen und ungefragt die Hosenlänge kommentieren. So ein Verhalten kommt in Schweden gar nicht gut an.

Die Suche nach dem Platz fürs Leben

Uns war schon lange klar, dass wir auf Dauer in Deutschland nicht glücklich sein würden und träumten von einem Neustart. Die Frage war nur, wo unser Plätzchen sein könnte. 2006 haben wir uns vor diesem Hintergrund Neuseeland angesehen. Freunde von uns waren vor Jahren dorthin ausgewandert und erzählten nur das Beste. Und wirklich: Das Land ist wunderschön. Englischsprachig, das würde die Sache erleichtern. Aber wir würden einen Job brauchen, um uns überhaupt dort aufhalten zu dürfen. Und es ist weit, weit weg. Mal schnell die Eltern oder Großeltern besuchen, würde von dort aus nicht funktionieren. Und das Gefühl des Angekommenseins stellte sich auch nicht ein.

Schweden auf dem Prüfstand

Das ist in Schweden anders. 2013 machen wir eine verspätete Hochzeitsreise mit dem Campervan dorthin und fühlen uns sofort wohl. Die freundlichen, zurückhaltenden Menschen sind uns sympathisch. Die Natur ist atemberaubend schön. Wir fühlen uns entschleunigt und erholt. Das erste Mal fahren wir nach einem Urlaub wehmütig wieder nach Hause. Und beginnen, den Gedanken in uns reifen zu lassen. Ist Schweden das Land, das wir suchen? Trauen wir uns das wirklich zu? Mit Ende 30 nochmal eine Sprache zu lernen?

Wir beginnen, uns über das Land zu informieren. Als Deutsche haben wir zwar automatisch das Aufenthaltsrecht, müssen aber unser Leben dort trotzdem mit ausreichenden Geldmitteln oder einem Beruf finanzieren können. Das ist die Gelegenheit, gleich ein zweites Vorhaben von mir zu verwirklichen: freiberuflich als Journalistin und PR-Beraterin zu arbeiten. Ich spreche mit meinem Chef, reduziere meine Arbeitszeit in der Agentur und baue mir parallel einen Kundenstamm auf. Darunter: ein Urlaubsportal für Schwedenreisende. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

Völlig frei und ungebunden – dem Traum ganz nah

Was ich dort jeden Tag über Schweden erfahre, gefällt mir immer besser. Und langsam reift in uns eine Entscheidung heran. Ja, Schweden soll es sein. Mein Mann holt sich bei seiner Firma grünes Licht, bis auf weiteres im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Wir melden uns an der Volkshochschule für Sprachkurse an und suchen auf www.hemnet.se nach einem Haus. Alleine das heizt unsere Vorfreude so richtig an. Zum ersten Mal in unserem Leben folgen uns die Jobs, nicht umgekehrt. Wir sind ungebunden und völlig frei in unserer Wahl. Allerdings sind wir auf gutes Internet angewiesen. Doch das erweist sich als unproblematisch. Selbst in den schlecht ausgebauten Regionen Schwedens ist die Geschwindigkeit doppelt bis dreifach so hoch wie bislang.

traumhaftes rotes Schwedenhaus
Unser Traum von einem Haus in Schweden ist wahr geworden.

Plötzlich kommt der Stein ins Rollen

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Im Februar 2015 finden wir ein Haus in Småland, das uns auf Anhieb gefällt und schauen es uns über ein verlängertes Wochenende an. Wir schlafen einige Nächte drüber – und sagen zu. Wir beauftragen eine Umzugsfirma, ich kündige meinen Agenturjob und gemeinsam fiebern wir dem Tag der Schlüsselübergabe entgegen. Schon am Vorabend, als wir in Kristianstad in unser Hotel einchecken, ist die Aufregung wie weggeblasen. In mir breitet sich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus. Am 11. Mai um 12 Uhr mittags sind wir um einen Großteil unseres Ersparten ärmer und um ein kleines, rotes Holzhaus reicher. Mitte Juni ziehen wir um.

Hühnerstall in Schweden
Raum für Möglichkeiten: das Sommerprojekt meines Mannes

Nervosität auf der Zielgerade

Bis dahin ist alles wie am Schnürchen gelaufen, doch jetzt beginnt der Teil, auf den wir keinen Einfluss haben. Wird mit der Personennummer alles klappen? Die folgenden Wochen zehren an den Nerven. Wir stecken in einer Endlosschleife fest: Ohne Personennummer kann ich meine Firma nicht anmelden, ohne Firma erhalte ich keine Personennummer. Irgendwann sehen wir uns schon die Koffer packen, noch bevor die Umzugskisten ausgeräumt sind. Nach zwei Monaten bin ich’s leid und hole mir Unterstützung von der Handelskammer. Noch in Deutschland bin ich deren Mitglied geworden und bitte ich sie, den Papierkram für mich zu erledigen. Tun sie auch – nach zwei Wochen habe ich eine Steuernummer, weitere vier Tage später sind unsere Personennummern im Briefkasten. An diesem Abend knallen in unserem Schwedenhaus die Korken.

Glücklich wie am ersten Tag: ein Traum? Ja, ein traumhafter!

Rehe vor dem Haus in Schweden
Die drei Rehe haben uns schon öfter besucht.

Das ist nun knapp drei Jahre her. Manchmal sehen wir uns an und grinsen. Denn noch immer gibt es Momente, an denen wir unser Glück nicht fassen können. Tagsüber vom Schreibtisch aus, wenn wir auf den Wald blicken. Im Winter, wenn sich die Tannenbäume unter dem Schnee biegen. Oder im Sommer, wenn wir draußen im Garten wuseln. Manchmal schiebt sich Angst dazwischen, weil alles zu glatt ging. Selbst die Wochen, in denen wir der Personennummer entgegenfieberten, sind nichts im Vergleich zur Wartezeit von anderen Auswanderern. Bei manchen sind Monate vergangen, bis sie mit der Zahlenkombination im schwedischen System erfasst sind. Das sind die Momente, in denen wir Angst haben, dass irgendjemand sagen könnte: Nein, das geht so nicht, wir haben bei euch einen Fehler gemacht. Ihr müsst wieder fort. Oder dass wir aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war.

Wenn Du mehr über uns Deutsche in Schweden erfahren möchtest, schaue doch mal auf www.svenskanyheter.de vorbei. Oder auf Facebook unter www.facebook.com/NeuesAusSchweden (@NeuesAusSchweden).

 

Was würde ich anders machen?

– schon viel früher auswandern
– meine Firma direkt von der Handelskammer anmelden lassen

Was würde ich genauso wieder machen?

– den ganzen Rest

 

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Alle Bilder in diesem Artikel: privat

Auswanderer-Geschichten 3: Angst überwunden, Schweden gewonnen

Outdoor-Küche - das ist der Gewinn, wenn die Angst vor dem Auswandern überwunden wird

Franzi hatte einen lang gehegten Traum von einem neuen Leben in Schweden, aber auch Angst vorm Auswandern. Seit rund zwei Jahren lebt sie nun mit ihrer Familie in Skåne im Süden Schwedens. Inzwischen sind die Auswanderer in ihrer neuen Heimat angekommen. Franzi berichtet von ihrem Start ins neue Leben:

Für rund 24 Stunden waren wir heimatlos. Kein Zuhause mehr, welches eingerichtet war und auf unsere Rückkehr wartete. Kein gemütliches Wohnzimmer, in dem unser Sofa stand. Kein chaotisches Kinderzimmer, in welchem Plüschtiere auf einem Floß aus Lego über den Teppich schipperten. Keine Wäscheberge und keine Waschmaschine im Dauerbetrieb.

Die Kisten sind gepackt – Schweden kann kommen

Denn all dieses war längst verpackt und stand verladen oben auf dem Umzugswagen. Und obwohl wir nicht das erste Mal umzogen, fühlte es sich dieses Mal doch ganz anders an. Denn wir würden nicht einfach nur in ein anderes Haus ziehen. Nicht nur in eine andere Straße oder in einen anderen Stadtteil.
Dieses Mal würde unser Umzugs-Konvoi über die Ostsee reisen. Nach Schweden.

Nur ein Urlaubsflirt oder doch die große Liebe?

Auszuwandern war bereits seit etwa acht Jahre der große gemeinsame Traum von meinem Mann und mir gewesen. Wir haben uns in die skandinavische Natur verliebt. In die endlosen Wälder, die Seen und Flüsse, in die Berge im Norden ebenso wie in die Felsküsten im Süden.
In die Ruhe, die dieses Land ausstrahlt.
Und in die Gelassenheit der Menschen.

Natur in Schweden - einfach traumhaft
zum Verlieben: die schwedische Natur

Jedes Mal, wenn wir auf der Rückfahrt aus dem Urlaub waren, schmiedeten wir neue Pläne und waren hoch motiviert. Es musste doch zu schaffen sein. Es müsste doch wenigstens einer von uns einen Job im Land finden können. Und die Sprache war doch auch gar nicht so schwer. Man müsste nur mal dranbleiben: sich einfach bewerben und natürlich Schwedisch lernen.
Doch unzählige Male holte uns der Alltag so schnell wieder ein, dass aus dem festen Plan wieder nur eine Träumerei wurde, welche bis zu unserem nächsten Urlaub neuen Staub ansetzen sollte.

Franzi in Aufbruchsstimmung: jetzt oder nie!

Anfang 2016 jedoch packte uns die Aufbruchsstimmung. Beim Anschauen unserer Urlaubsbilder kamen wir erneut ins Träumen – und ins Diskutieren. Unsere Jungs waren damals vier und zwei Jahre alt. Und der näher rückende Schulbeginn verursachte bei mir das Gefühl eines Ultimatums. Denn ich wollte meinen Söhnen das Umschulen in ein anderes Land gerne ersparen. Wenn wir also nach Schweden auswandern wollten – und das nicht erst im Rentenalter –, dann musste nun tatsächlich etwas passieren.

Und so ging es, intensiver denn je, an die Jobsuche. Unsere Schwedisch-Kenntnisse waren trotz eines Grundkurses an der Volkshochschule und einem (kaum genutzten) Monats-Abo einer Sprachlernsoftware noch längst nicht alltagstauglich. Daher suchten wir gezielt nach Stellenanzeigen, in denen eben Englisch und/oder Deutsch gefragt war.

Eine Jobzusage und eine spontane Firmengründung

Nach ein paar Wochen kam dann der Anruf, der meinen Mann vor Schreck fast die Sprache verschlug. Es war ein IT-Unternehmen aus Lund, welches ihn zum Bewerbungsgespräch via Skype einlud. Darauf folgte etwa eine Woche später ein Bewerbungsgespräch vor Ort sowie die Jobzusage nur wenige Stunden danach.
Kaum wieder in Deutschland angekommen, suchte ich natürlich sofort das Gespräch mit meiner Vorgesetzten. Ihre Antwort: „Oh, Franzi, wie schön für euch… aber wir wollen gar nicht, dass du gehst!“
Tja, was nun?

Tatsächlich fanden wir eine Lösung, wie ich künftig auch aus der Ferne einen Teil meiner Aufgaben im Marketing weiter wahrnehmen konnte: Ich musste mich eben selbstständig machen. Einfach so. Ungeplant und unvorbereitet. Und noch dazu musste ich natürlich weitere Kunden gewinnen.
Eigenverantwortlich gearbeitet hatte ich schon oft und dank meiner kaufmännischen Ausbildung war auch Buchhaltung kein Fremdwort für mich. Für letztere sowie für Steuerangelegenheiten nahm ich mir vor Ort einen Berater, welcher mir nach Abschluss meines ersten Geschäftsjahres erst kürzlich verkündete:
„Du är väldigt duktig!“
Ich bin also sehr fleißig. Na prima!

Zwischen Freude und Angst

Was aber damals zunächst auf die Klärung der Arbeitsverhältnisse folgte, waren die stressigsten und emotionalsten sechs Wochen unseres Lebens. Binnen kürzester Zeit mussten wir ein Haus in Schweden finden, unser komplettes Leben in Deutschland auflösen und schließlich in die traurigen Gesichter von Freunden und Familie blicken.

Und plötzlich waren wir da, am Fähranleger in Trelleborg. Unser ganzes Leben war verteilt auf ein Auto und einen kleinen LKW. In einer roten Mappe steckten unsere Ausweise, Geburtsurkunden und die Kaution für unser neues Zuhause.
Ich hatte das Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben.
Und das nicht wegen des starken Seegangs auf der Ostsee.

Vor uns lag ein Land, welches wir nur aus dem Urlaub kannten. Vom tatsächlichen Alltag, von der Bürokratie, vom Schulwesen, von der echten schwedischen Mentalität und von so vielem mehr hatten wir noch überhaupt gar keine Ahnung.
In meinem Bauch hatten Angst und Freude einen schlimmen Streit. Denn ich hatte Angst davor zu scheitern. Angst davor, es könnte finanziell doch zu knapp werden. Und gleichzeitig war ich doch überglücklich, endlich diesen magischen Wäldern, Seen und Flüssen jeden Tag nahe sein zu können. Und ich freute mich darauf, dem Stress in Deutschland ein Stück weit zu entkommen.

mit Hund in Schweden beim Angeln
Echter Schwede: Franzis Hund Odin

Noch oft während der ersten Monate in Schweden hatte ich dieses kribbelige Gefühl in der Magengegend, wie wenn ein Auto bei hoher Geschwindigkeit über einen Hügel saust und man für eine Sekunde schwerelos ist. Und dabei bin ich eigentlich ein Mensch, der ganz gut auf Nervenkitzel verzichten könnte.

Das neue Leben: ein bisschen „lagom“, ganz viel Natur und ein YouTube-Kanal

Heute, rund zwei Jahre später, sind wir längst angekommen. Unsere Kinder sprechen fließend Schwedisch und fühlen sich in der Schule und dem Kindergarten wohl. Die Mentalität der Schweden haben wir kennen und (zum größten Teil) schätzen gelernt – wenngleich wir doch in mancher Hinsicht wohl ewig „typisch deutsch“ bleiben werden. Besonders beim Autofahren oder auch wenn es darum geht, die Dinge gerne etwas genauer zu nehmen.

Ein bisschen „lagom“ und ganz viel Natur – ich denke, so könnte man unser neues Leben in Schweden wohl am besten beschreiben. Und das nervöse Kribbeln im Magen ist auch längst verschwunden.

Manchmal warten die großartigsten Erfahrungen in deinem Leben jenseits deiner größten Ängste.
Was es dann braucht, ist nur die richtige Portion Mut, um deine Angst zu überwinden.
Dann können deine Träume Wirklichkeit werden.

Dieses Jahr habe ich mir einen weiteren persönlichen Traum erfüllt und bin auf YouTube mit meinem Kanal „Franzi in Schweden“ gestartet. Dort erzähle ich von meinem Leben in Schweden, teile Tipps fürs Auswandern, aber auch witzige Geschichten aus meinem Alltag. Wenn du dich für mein Leben als Auswanderer in Schweden interessierst, dann schau’ doch gern einmal bei mir vorbei: Franzi in Schweden

Ha det bra så länge, Franzi

 

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Auswanderer-Geschichten 2: Mit Huskys in Lappland besser leben

Glückliche Huskys in Lappland in Schweden

Weit oben im hohen Norden eine eigene Huskyfarm zu gründen, das war der große Traum von Julia und Sven. Als wir auf Elchkuss nach Erzählungen von Auswanderern nach Schweden suchten, meldeten sich auch die beiden. Es sollten keine journalistischen Texte werden, sondern persönliche Berichte der Auswanderer. Sven schickte uns wenige Tage später seinen Text, dazu ein paar Bilder. Alles war bestens. So zumindest der Schein. Wie man sich doch täuschen kann …

Bevor der Artikel über das Auswandern mit Huskys nach Lappland veröffentlicht wurde, schrieben wir von Elchkuss und Sven ein paar Mails hin und her; einmal telefonierten wir kurz, um einige Details des Artikels zu besprechen. Nur einmal erschien uns etwas ein wenig suspekt: Sven meinte, er arbeite als Lektor und verdiene sich somit sein Geld. Zugleich tauchten in seinem Artikel einige Fehler auf, die eines Lektors nicht unbedingt würdig waren. Ansonsten gab es keine Anzeichen, an irgendetwas zu zweifeln.

Gemeinsam mit den Erfahrungsberichten anderer Auswanderer nach Schweden ging Anfang April 2018 auch der Artikel über das neue Leben von Sven und Julia mit Huskys in Lappland online. Das unabhängige Leben der beiden im hohen Norden, dazu die faszinierenden Bilder, die sie auf ihrer Seite huskylife.de in regelmäßigen Abständen publizierten – das weckte bei vielen Lesern eine große Sehnsucht. Doch allzu lange sollte der Artikel nicht online bleiben …

Bereits im Mai, also nur einen Monat später, begann ein im Internet öffentlich geführter Rosenkrieg zwischen Julia und Sven. Schmutz wurde hin- und hergeworfen, es gab viele Unklarheiten rund um die Hunde; wer die Wahrheit sagte, war aus der Ferne nicht ansatzweise zu erkennen. Daher entschlossen wir uns, den Artikel vorläufig offline zu nehmen.

Aus vorläufig wurde schnell für immer. Denn es kam noch deutlich schlimmer.

Versuche, Sven zu erreichen, um die Unklarheiten bezüglich seines Artikels auf Elchkuss zu beseitigen, schlugen fehl. Er war verschwunden. Abgetaucht. Wenig später war auch klar, weshalb. Ein ungeheuerlicher Verdacht: Sven soll seine eigene Mutter ermordet und einbetoniert haben. Einige Tage später wurde er von der schwedischen Polizei festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert, wo er ab Ende Mai 2018 in Untersuchungshaft saß.

Immer mehr Details aus Svens früherem Leben wurden nun bekannt. Zum Beispiel dass er wegen Betrugs schon einmal in einem südafrikanischen Gefängnis saß. Und nun eben der Vorwurf des Mords bzw. des Totschlags.

Im November begann schließlich der Prozess gegen Sven H. Aus Habgier, so die Anklage, soll er seine Mutter mit einem Schürhaken erschlagen und anschließend in einer Blumenbank einbetoniert haben. Ende Juni 2019 fällte der Richter des Landgerichts Göttingen das Urteil: Sven H. ist schuldig und muss für 13 Jahre hinter Gitter.

Julias Traum von einem neuen Leben mit Huskys in Lappland endete somit in einem Alptraum.

 

 

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Beitragsbild: huskylife.de

Wenn die Sehnsucht ruft – nach Schweden auswandern

nach Schweden auswandern - die schöne Natur lockt

Die Sehnsucht wird immer stärker? Du willst am liebsten gleich heute deine Koffer packen? Nur Urlaub in Schweden reicht dir schon lange nicht mehr? Dann ist es an der Zeit für den großen Schritt: nach Schweden auswandern. Ein solches lebensveränderndes Projekt mag anfangs wie ein riesiger Berg wirken, der kaum zu überwinden ist. Du musst an vieles denken, schließlich soll die Auswanderung nicht im Debakel enden. 

Das Schöne ist: Du bist nicht alleine. Es gibt viele andere, die den gleichen Schritt wie du planen oder die ihn bereits gegangen sind. Das noch Schönere ist: Schweden ist ein beliebtes Land zum Auswandern, gehört aber nicht zu den Top-Adressen deutscher Auswanderer. Du wirst also auf manche Deutsche treffen, die wie du in Schweden eine neue Existenz aufbauen, aber es gibt keine deutschen Kolonien, in denen fast nur deutsch gesprochen wird, wie beispielsweise in Spanien.

Bevor du nach Schweden auswandern kannst, musst du einiges organisieren. Job? Wohnung? Versicherungen? Bankkonto? Personnummer? Schwedisch lernen? Da Schweden glücklicherweise in der EU ist, sind die bürokratischen Hindernisse nicht allzu hoch. Vieles läuft sogar ziemlich unkompliziert ab.

Nach Schweden auswandern: Erfahrungen anderer Auswanderer

Wir wollen hier jedoch keine Schritt-für-Schritt-Anleitung fürs Auswandern geben. Die Bedürfnisse sind bei jedem Einzelnen doch sehr unterschiedlich. Am meisten lernt man vielmehr, wenn man den Geschichten und Erfahrungen anderer zuhört. Das wollen wir tun. Wir hören anderen Auswanderern zu. Sie berichten hier von ihren Erfahrungen, von Herausforderungen, Problemen, Glücksmomenten, und sie geben nicht zuletzt wertvolle Tipps und Hinweise. In regelmäßigen Abständen wird hier ein neuer Erfahrungsbericht erscheinen.

Auswanderer-Geschichten 1: vom schwierigen Neustart zur eigenen Agentur

Das neue Heim der Auswanderer in Schweden

Olaf und Kathleen wanderten 2015 nach Schweden aus. Es verschlug sie nach Småland. Der Neustart war nicht leicht, aber die Mühen haben sich ganz offensichtlich gelohnt:

Es ist noch einmal Winter in Grönadal: Der Schnee liegt wie ein dicker, weißer Teppich über unserem kleinen Grundstück, Schnee drückt auf die Tannenzweige im Wald rund um unser typisch småländisches Schwedenhäuschen. Ein leichter Frost verwandelt Eiskristalle in kleine funkelnde Diamanten. Rauch steigt aus dem kleinen Schornstein. Der alte Specksteinofen von Handöl arbeitet hervorragend und sorgt im Wohnzimmer für eine behagliche Wärme. Unsere drei Hunde sind eng an den Ofen gekuschelt, denn sie kommen aus Afrika und können der weißen Pracht draußen nicht so viel abgewinnen wie ich.

Ich sehe gerne aus den Fenstern. Unser Haus steht alleine, keine Nachbarn in Sichtweite, die nächsten Städte sind ungefähr 20 km entfernt. So kann ich, egal aus welchem Fenster ich schaue, nur Natur sehen. Die Natur im Winter in Schweden. Ein richtiger Winter mit Schnee, Frost und kalten, klaren Nächten voller Sterne am Nachthimmel. Für viele ein Traum, für mich die Wirklichkeit. Und doch hätte unser Neustart ganz anders ausgehen können, nachdem wir 2014, ohne jemals vorher in Schweden gewesen zu sein, beschlossen haben, dorthin auszuwandern…

Gewagt: auswandern, ohne zuvor in Schweden gewesen zu sein

Im Spätsommer 2014 befasse ich mich das erste Mal mit Schweden. Ich lese in irgendeinem Blog, dass die Schweden gerne Steuern zahlen und ihre Steuererklärung per SMS abgeben. Das klingt wie ein schlechter Witz, denn als deutscher Unternehmer bin ich doch etwas anderes gewohnt. Ich prüfe die Information im Netz und finde diese zu meiner Überraschung bestätigt.

Schweden ist in vielen Punkten ein typisch europäisches Land. Allerdings gibt es teilweise gravierende Unterschiede zu Deutschland, wie die vorausgefüllte Steuererklärung, die per SMS bestätigt wird, zeigt. Ich lese weiter und finde heraus, dass Schweden nicht nur ein Land mit hervorragendem Gesundheits- und Rentensystem ist, sondern auch noch besonders zufriedene Einwohner hat. Einwohner mit viel Platz, viel Natur und einem Land, dass sehr unterschiedliche Klimazonen bietet. Von Öland, der Perle in der Ostsee, bis hin zum Polarkreis mit eisigen Wintern und Temperaturen bis -40 °C.

Schwedentraum im Winter am See
Die herrliche schwedische Natur überzeugt Olaf und Kathleen

Die harten Fakten, die ich mir in den nächsten Monaten mit meiner Frau erarbeite, geben den Ausschlag: Wir werden Deutschland verlassen und auswandern. Je früher, desto besser. Die nächsten Monate vergehen mit den Vorbereitungen: Sprachkurse werden gebucht, Informationen zusammengetragen. Wo wollen wir wohnen? Was kosten die Häuser? Wie hoch sind die Steuern? Wie ist das mit der Dunkelheit in Schweden? Und wo gibt es schnelles Internet, am besten via Glasfaseranschluss?

Schnelles Internet – ein wichtiges Kriterium für Unternehmer beim Neustart

Das Internet ist in der Tat ein entscheidender Faktor für uns. Wir sind Unternehmer, haben gemeinsam eine Werbeagentur und arbeiten hauptsächlich online im Bereich Webgestaltung und Datenbank-Anwendungen. In Schweden wollen wir weiterhin online arbeiten. Also ist das Netz unser Kompass. Unsere Informationen tragen uns in das 1.700 km entfernte Skellefteå, also hoch in den Norden. Dort gibt es entsprechend ausgebaute Glasfasernetze. Und diese gibt es sogar weit ab auf dem Land und nicht nur in den Städten.

Die Seite der schwedischen Makler „Hemnet“ wird unsere meist aufgerufene Internetseite. Wir legen Listen an, versuchen unsere Vorstellungen vom neuen Heim in Zahlen zu packen. Wie viele Zimmer brauchen wir? Wie groß darf das Grundstück sein? Und was ist ein angemessener Preis für ein Haus in Schweden? Wir lernen eine Menge schwedische Bezeichnungen, angefangen mit torpargrund über trekammarbrunn bis hin zu vedpanna.

Vom hohen Norden ins beschauliche Småland

Im Februar 2015 kommt ein großer Umschwung in unsere Schwedenpläne. Mit besseren Sprachkenntnissen und nach dutzenden Häusern, die wir uns online angesehen haben, findet meine Frau heraus, dass es in Schweden Gemeinden gibt, die deutsche Auswanderer suchen! Eine dieser Gemeinden, Tingsryds kommun, hat sogar ein gut ausgebautes Glasfasernetz.

So verlassen wir gedanklich den hohen Norden und orientieren uns nach Süden. Die Region Småland ist unser neues Ziel, vor allem wegen der angebotenen Unterstützung der Gemeinde. Wir sehen uns Häuser auf Hemnet an und finden tatsächlich diverse Angebote, die passen könnten. Die Reiseentfernung ist mit 550 km deutlich einfacher zu bewältigen, und die ersten Gespräche mit dem deutschsprachigen Ansprechpartner dort in Tingsryd machen uns Mut, die Auswanderung weiter voran zu bringen.

Zum ersten Mal in Schweden und gleich heimisch

Dann geht alles ganz schnell. Ende Februar reise ich das erste Mal in meinem Leben nach Schweden, um mir dort Häuser anzusehen, die wir interessant finden. Meine erste Reise nach Schweden zu beschreiben, ist sehr schwer. Es fühlt sich an, als käme ich endlich an. Die Ruhe, die das gesamte Land ausstrahlt, die freundliche Art der Schweden, egal wen ich treffe – Schweden fasziniert mich. Das entspannte Autofahren, sobald ich Malmö hinter mir gelassen habe, ist für mich allein ein Grund, Deutschland zu verlassen. Ich bin total sicher, dass ich hier leben möchte. Hier gehöre ich hin.

Doch vorher muss ich die Rahmenbedingungen klären. Also sehe ich mir mit Jörgen, dem netten Mann von der Gemeinde, mehrere Häuser an, mache Termine mit verschiedenen Maklern und reise in der Gemeinde herum.

Um es kurz zusammenzufassen: Die meisten Häuser sind in keinem guten Zustand. Doch eine Immobilie sticht heraus. Durch Jörgen erfahren wir von einem privaten Angebot außerhalb von Hemnet. Das Haus ist modern, im Preisrahmen, Internet muss noch bestellt werden. Das Haus gefällt mir so gut, dass ich Angst habe, dass es mir jemand vor der Nase wegschnappt. Aber natürlich kann ich solch eine Entscheidung nicht allein treffen.

Also findet wenige Wochen später die nächste Reise nach Schweden zusammen mit meiner Frau und unseren Hunden statt. Wir sehen uns das Haus gemeinsam an, machen eine Besichtigungstour mit dem Verkäufer durch das Dorf und nutzen die freie Zeit zur Erkundung möglicher Spazierwege. Und was soll ich sagen, meine Frau ist genauso begeistert wie ich. Von Schweden, von den Menschen hier in Schweden und vom Haus natürlich auch.

gelungener Neustart für die Auswanderer
Die Auswanderer in ihrer neuen Heimat

Am nächsten Tag treffen wir mit dem Besitzer einen mündlichen Kaufvertrag. Der Verkäufer wird alles Notwendige veranlassen, uns einen Vertrag zuschicken und Glasfaser für uns bestellen, so dass wir zum Umzug einen funktionierenden Internetanschluss in unserem neuen Haus in Rävemåla haben werden. Voller Vorfreude auf Schweden fahren wir nach Hause nach Deutschland.

Beinahe die Bruchlandung …

Die Zeit vergeht und wir kümmern uns um die Abwicklung in Deutschland. Unsere Kunden müssen mitziehen, also klären wir alles Notwendige mit ihnen. Unser Haus in der Nähe von Mölln muss verkauft und der Umzug organisiert werden. Diverse Verwaltungstätigkeiten sind zu erledigen. Das Datum für den Umzug rückt immer näher, am 1. Juli 2015 werden wir Deutschland verlassen und einen Neustart in Schweden wagen.

Doch dann das: Knappe fünf Wochen vor unserem Umzug zieht uns die Realität den Boden unter den Füßen weg. Unser schwedischer Vertragspartner hat sich nicht an die Abmachungen gehalten. Es gibt keinen Kaufvertrag, es gibt kein Internet und nach seinem Verhalten gegenüber unserem schwedischen Ansprechpartner bei der Gemeinde gibt es auch keine Basis für ein Geschäft mehr. In Schweden sagt man: „Der ist unter dem Eis!“, was eine ziemlich heftige Ansage ist.

… die Nerven liegen blank …

So stehen wir fünf Wochen vor dem Umzug vor gravierenden Problemen. Unser Haus ist verkauft und wir müssen Ende Juni ausziehen. Wir haben aber kein neues Haus, keine Adresse in Schweden, wo das Umzugsunternehmen anliefern kann. Wir haben keinen Arbeitsplatz, weil wir unsere Rechner nirgends aufstellen können. Unser Traum von der Auswanderung scheint im letzten Moment dramatisch und katastrophal zu scheitern, weil unser Vertragspartner plötzlich keine Lust mehr hat, sich an seine eigenen Vereinbarungen zu halten!

Voller Verzweiflung fahren wir gemeinsam noch einmal nach Schweden, um uns die Reste des Hausmarktes anzusehen. Gemeinsam mit Jörgen von der Gemeinde besuchen wir diverse Häuser, finden sogar einen Vermieter, der uns für eine recht hohe Miete ein echt altes Haus mitten im Nirgendwo vermieten würde. Eine letzte Notlösung scheint die Miete eines leerstehenden Ladenlokals ohne Badezimmer in der Stadt zu sein.

Wir sind mit unseren Nerven völlig am Ende. Die letzten Wochen waren sehr hart. Wir haben unser Leben in Deutschland komplett abgewickelt und parallel dazu immer gearbeitet. Und nun das!

… doch ein Schwede hilft: Neustart gelungen!

Unsere Rettung im letzten Moment ist wieder Jörgen von der Gemeinde. Über drei Ecken kennt er einen Schweden, der vor vielen Jahren nach Polen ausgewandert ist und immer noch ein Sommerhaus in Rävemåla hat. Das frisch renovierte, große Haus benutzt er nur wenige Wochen im Jahr. So wird für uns gefragt, ob wir dort in der ersten Zeit wohnen könnten. Allan, der Besitzer aus Polen, ist nicht nur einverstanden, er verlangt auch nur eine sehr geringe Miete. Wir treffen uns persönlich in Rävemåla, erledigen die Formalitäten und lernen einen sehr netten Schweden kennen, der uns im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Absturz rettet, indem er uns sein Haus vermietet.

So wird am Ende alles gut. Wie geplant beziehen wir am 1. Juli ein Haus in Rävemåla und werden dort ein paar Monate wohnen. Doch bereits im Dezember ziehen wir wieder um, in unser eigenes Haus nach Grönadal in die Nähe des Mien.

Neustart gelungen - ein typisches rotes Schwedenhaus
Das neue Zuhause

Wir sind heute hier, weil wir viel Hilfe und Unterstützung von schwedischer Seite bekommen haben. Heute wollen wir unsere Hilfe anderen anbieten, die in Schweden einen Neustart machen wollen. Also schau doch mal bei www.nystart.de vorbei. Und vielleicht lernen wir uns ja auch irgendwann mal persönlich kennen und du kannst uns dann die Geschichte deiner Auswanderung erzählen.

Wir wünschen dir viel Glück, oder wie man hier so schön sagt: Lycka till!

Was würde ich anders machen?

– Haus in Deutschland teurer verkaufen.
– Umzug nach Schweden billiger einkaufen.
– Rechtliche und steuerrechtliche Dinge noch besser abklären.

Was würde ich genauso wieder machen?

– Es war ein holpriger Ritt, aber gut.  Also würde ich es wieder machen! 
 Denn nur dadurch bin ich heute hier.

 

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Du bist selbst nach Schweden ausgewandert oder hast es vor? Was sind deine Erfahrungen? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Alle Bilder in diesem Artikel: Olaf Thomas und Birgit Witt

Auswandern aus Schweden? – Rezension eines schwedischen Klassikers: „Die Auswanderer“ von Vilhelm Moberg

Auswandern aus Schweden - Thema des schwedischen Klassikers "Die Auswanderer" von Vilhelm Moberg

Karl Oskar schaut auf und blickt in den wolkenlosen Himmel, von dem die Sonne seit Tagen, nein, es sind Wochen und Monate unbarmherzig auf die Äcker Smålands scheint. Die Erde ist rissig, das Getreide will nicht wachsen. Nach dem feuchten Sommer im vergangenen Jahr, der Missernte und dem harten Winter kann er ein weiteres schlechtes Jahr nicht verkraften. Wie soll er seine Kinder durchbringen? Wie die Hypothek auf seinen Hof abbezahlen? Abends sitzt er mit seiner Frau vor dem Kamin und wieder diskutieren sie, was seit Wochen in ihren Köpfen herumspukt. Er weiß, dass Kristina zweifelt. Aber er weiß auch, dass dieser Plan der einzige ist, der ihnen eine bessere Zukunft bescheren kann. Sie müssen aus Schweden auswandern. Nach Amerika.

Ähnliche Pläne haben auch andere Leute in Ljuder in Småland. Der eine wird als Knecht von seinem Bauern verprügelt, die andere steht als Hure ohnehin am Rand der Gesellschaft. Wieder ein anderer gerät aufgrund seiner freikirchlichen Umtriebe in Konflikt mit dem streng über seine Schäfchen wachenden Pfarrer. Es sind höchst unterschiedliche Menschen mit höchst unterschiedlichen Gründen, aber sie alle eint ein gemeinsames Ziel: Sie wollen ihre Heimat verlassen, um in der unbekannten neuen Welt ein neues Glück zu probieren.

Auswandern aus Schweden

Heute klingt das unvorstellbar: Schweden setzen alles aufs Spiel, nur um ihre Heimat verlassen zu können? Heute ist Schweden für viele ein Sehnsuchtsland mit funktionierendem Sozialstaat, wohlhabend, angenehm zum Leben. Viele möchten gerne nach Schweden einwandern. Aber von dort auswandern?

Doch das Schweden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat nur wenig mit dem gemein, das wir heute kennen. Der Großteil der Schweden waren Bauern. Eine rasche Zunahme der Bevölkerung in Kombination mit mehreren Missernten stürzte die ohnehin schon arme Landbevölkerung in Hunger und Not. Besonders schwer war Småland mit seinen harten und steinigen Böden betroffen. Zugleich sorgte die Obrigkeit in Form des Adels und der Krone sowie die vor allem auf dem Land einflussreiche lutherisch-evangelische Kirche dafür, dass sich an den gesellschaftlichen Zuständen wenig änderte.

Sehnsucht Amerika

Aber die meisten der schwedischen Bauern konnten lesen. So erfuhren sie zum einen von Revolutionen in Frankreich und Deutschland, in denen die Bürger für mehr Freiheiten kämpften. Und zum anderen konnten sie in den Zeitungen von jenem neuen Land lesen, in dem so vieles besser schien: die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Menschen dort waren frei, sie hatten keinen König, niemand schrieb ihnen vor, was und wie sie zu glauben hatten. Und dann kamen noch die Reiseberichte der ersten Auswanderer hinzu. 1841 wanderte Gustav Unonius mit seiner Frau und einigen Gefährten aus und gründete in Wisconsin den Ort New Upsala. Seine schwärmerischen Berichte, die im „Aftonbladet“ erschienen und in denen er vom billigen und massenhaft zu erwerbenden Land schreibt, weckten bei anderen schwedischen Bauern die Sehnsucht, ebenfalls auszuwandern.

Und sie folgten scharenweise: Zwischen 1850 und 1920 sollen etwa 1,5 Millionen Schweden in die USA ausgewandert sein; rund ein Fünftel kehrte wieder zurück. Für Schweden war dies ein gewaltiger Aderlass, der die Obrigkeit irgendwann doch beunruhigte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgten erste Reformen, die die Situation der einfachen Bevölkerung etwas verbesserte.

Schritt ins Unbekannte

Die Protagonisten des Romans Karl Gustav, Kristina und die anderen Auswanderer gehören zu den Emigranten der ersten Generation. Ende der 1840er Jahre beschließen sie den Schritt ins Unbekannte. Sie wissen kaum etwas über ihr Sehnsuchtsland. Nur Karl Gustavs Bruder Robert hat sich ein Buch über die USA besorgt, in dem er allerhand Wahres und Unwahres liest und sich so sein ganz eigenes Bild des Landes, in dem seiner Meinung nach Milch und Honig fließen, zusammenschustert.

Hier liegt der große Reiz des Romans „Die Auswanderer“ von Vilhelm Moberg, der 1949 unter dem Titel „Utvandrarna“ erschienen ist. Der Erzähler nimmt sich über weite Strecken zurück. Er kommentiert kaum, sondern lässt seine Figuren sprechen. Und zwar mit allem Unfug, Wunschdenken und allen Träumereien, die den Auswanderern so durch den Kopf gehen. Dadurch nimmt Moberg die Figuren des Romans ernst – auch wenn sie ungebildet, schwärmerisch oder ungehobelt sind. So entstehen glaubwürdige Personen und zugleich immer wieder auch Witz, beispielsweise als Robert in einem Kapitel sich zusammenreimt, wie traumhaft es wohl in New York sein muss, und im nächsten Kapitel der Kapitän des Auswandererschiffs, der bereits mehrfach in New York gewesen ist, über diese hässliche Stadt lästert.

Schwedische Auswanderer an Bord eines Schiffs

Moberg bemüht sich um eine große Portion Realismus, wodurch der Leser nicht nur einen hervorragenden Einblick in das harte Leben im Schweden des 19. Jahrhunderts erhält, sondern auch vor manche sprachliche Herausforderung gestellt wird. Sprechen die Figuren in direkter Rede, dann reden sie so, wie die Menschen in dieser Zeit eben redeten. Wer den Roman also auf Schwedisch liest, der wird mit småländischem Dialekt des 19. Jahrhunderts konfrontiert, im Fall der Hure Ulrika sogar noch garniert mit einigen altertümlichen Kraftausdrücken.

Detailreiche Beschreibung des schwedischen Landlebens im 19. Jahrhundert

Doch diese detailgetreue, realitätsnahe Darstellung sorgt dafür, dass der Leser sich im besten Sinne des Wortes ein Bild machen kann vom harten Leben auf dem Land und vom noch härterem während der Überfahrt über den Atlantik. Und er lernt die Figuren, ihre Hoffnungen und Ängste ganz genau kennen. Da es viele Auswanderer sind und Moberg sie alle mehrfach zu Wort kommen lässt, entstehen dadurch auch gewisse Längen, die sich im Ganzen aber in Grenzen halten.

In der schwedischen Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 2016 begleitet man Karl Oskar und Co. über 573 Seiten auf ihrem Weg nach Amerika. Doch dies ist nur der erste Teil der Tetralogie. Wer wissen will, wie es den Auswanderern in Amerika ergeht, der darf ihnen in „In der neuen Welt“, „Die Siedler“ und „Der letzte Brief nach Schweden“ (schwedische Orginaltitel „Invandrarna“, „Nybyggarna“ und „Sista brevet till Sverige“) zuschauen.

In konservativen Kreisen kam Vilhelm Mobergs Auswanderersaga im Übrigen gar nicht gut an. Sie sei unpatriotisch, ziehe die Kirche in Misskredit, außerdem sei der realistische Sprachgebrauch skandalös. Axel Rubbestad, Reichstagsabgeordneter für den Bauernverbund, wollte Moberg gar im Gefängnis sehen. Dazu kam es nicht. Vielmehr konnte Mobergs Roman-Serie eine ungeahnt erfolgreiche Laufbahn feiern, sodass die vier Bücher heute zu Klassikern der schwedischen Literatur zählen.

Auf Deutsch wird der Roman leider nicht mehr aufgelegt. Hier ist man auf gebrauchte Exemplare angewiesen. Wer ohnehin lesefaul ist, kann sich die preisgekrönte Verfilmung aus dem Jahr 1971 mit Max von Sydow* in der Hauptrolle besorgen. Oder man wagt sich an das schwedische Original* heran. Es lohnt sich.


 

 

 

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weitere Rezensionen schwedischer Bücher:

Håkan Nesser: Elf Tage in Berlin

Håkan Nesser: De vänsterhäntas förening

Lena Andersson: Egenmäktigt förfarande

 

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