Land und Leute

Auswanderer-Geschichten 4: Alles nur ein Traum?

Auswandern nach Småland - ein Traum

Inka wanderte mit ihrem Mann 2015 nach Schweden aus. Der Neustart ging zu leicht. Manchmal haben beide Angst, aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum war.

Der Arzt schaut meinen Mann mit großen Augen an und schluckt. Er sagt nichts weiter dazu, das machen die Schweden fast nie. Aber man merkt ihm an, wie verstört er ist. Die beiden haben nach der Behandlung im Sprechzimmer noch ein wenig geplaudert. Er wollte wissen, was zwei Deutsche dazu bringt, ausgerechnet nach Schweden zu ziehen. Mein Mann erzählt ihm, dass wir uns ein ruhigeres und naturverbundeneres Leben gewünscht haben. Ohne Nachbarn, die einen jedes Wochenende in die Waschstraße schicken wollen und ungefragt die Hosenlänge kommentieren. So ein Verhalten kommt in Schweden gar nicht gut an.

Die Suche nach dem Platz fürs Leben

Uns war schon lange klar, dass wir auf Dauer in Deutschland nicht glücklich sein würden und träumten von einem Neustart. Die Frage war nur, wo unser Plätzchen sein könnte. 2006 haben wir uns vor diesem Hintergrund Neuseeland angesehen. Freunde von uns waren vor Jahren dorthin ausgewandert und erzählten nur das Beste. Und wirklich: Das Land ist wunderschön. Englischsprachig, das würde die Sache erleichtern. Aber wir würden einen Job brauchen, um uns überhaupt dort aufhalten zu dürfen. Und es ist weit, weit weg. Mal schnell die Eltern oder Großeltern besuchen, würde von dort aus nicht funktionieren. Und das Gefühl des Angekommenseins stellte sich auch nicht ein.

Schweden auf dem Prüfstand

Das ist in Schweden anders. 2013 machen wir eine verspätete Hochzeitsreise mit dem Campervan dorthin und fühlen uns sofort wohl. Die freundlichen, zurückhaltenden Menschen sind uns sympathisch. Die Natur ist atemberaubend schön. Wir fühlen uns entschleunigt und erholt. Das erste Mal fahren wir nach einem Urlaub wehmütig wieder nach Hause. Und beginnen, den Gedanken in uns reifen zu lassen. Ist Schweden das Land, das wir suchen? Trauen wir uns das wirklich zu? Mit Ende 30 nochmal eine Sprache zu lernen?

Wir beginnen, uns über das Land zu informieren. Als Deutsche haben wir zwar automatisch das Aufenthaltsrecht, müssen aber unser Leben dort trotzdem mit ausreichenden Geldmitteln oder einem Beruf finanzieren können. Das ist die Gelegenheit, gleich ein zweites Vorhaben von mir zu verwirklichen: freiberuflich als Journalistin und PR-Beraterin zu arbeiten. Ich spreche mit meinem Chef, reduziere meine Arbeitszeit in der Agentur und baue mir parallel einen Kundenstamm auf. Darunter: ein Urlaubsportal für Schwedenreisende. Warum nicht das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?

Völlig frei und ungebunden – dem Traum ganz nah

Was ich dort jeden Tag über Schweden erfahre, gefällt mir immer besser. Und langsam reift in uns eine Entscheidung heran. Ja, Schweden soll es sein. Mein Mann holt sich bei seiner Firma grünes Licht, bis auf weiteres im Homeoffice arbeiten zu dürfen. Wir melden uns an der Volkshochschule für Sprachkurse an und suchen auf www.hemnet.se nach einem Haus. Alleine das heizt unsere Vorfreude so richtig an. Zum ersten Mal in unserem Leben folgen uns die Jobs, nicht umgekehrt. Wir sind ungebunden und völlig frei in unserer Wahl. Allerdings sind wir auf gutes Internet angewiesen. Doch das erweist sich als unproblematisch. Selbst in den schlecht ausgebauten Regionen Schwedens ist die Geschwindigkeit doppelt bis dreifach so hoch wie bislang.

traumhaftes rotes Schwedenhaus
Unser Traum von einem Haus in Schweden ist wahr geworden.

Plötzlich kommt der Stein ins Rollen

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Im Februar 2015 finden wir ein Haus in Småland, das uns auf Anhieb gefällt und schauen es uns über ein verlängertes Wochenende an. Wir schlafen einige Nächte drüber – und sagen zu. Wir beauftragen eine Umzugsfirma, ich kündige meinen Agenturjob und gemeinsam fiebern wir dem Tag der Schlüsselübergabe entgegen. Schon am Vorabend, als wir in Kristianstad in unser Hotel einchecken, ist die Aufregung wie weggeblasen. In mir breitet sich ein Gefühl tiefer Zufriedenheit aus. Am 11. Mai um 12 Uhr mittags sind wir um einen Großteil unseres Ersparten ärmer und um ein kleines, rotes Holzhaus reicher. Mitte Juni ziehen wir um.

Hühnerstall in Schweden
Raum für Möglichkeiten: das Sommerprojekt meines Mannes

Nervosität auf der Zielgerade

Bis dahin ist alles wie am Schnürchen gelaufen, doch jetzt beginnt der Teil, auf den wir keinen Einfluss haben. Wird mit der Personennummer alles klappen? Die folgenden Wochen zehren an den Nerven. Wir stecken in einer Endlosschleife fest: Ohne Personennummer kann ich meine Firma nicht anmelden, ohne Firma erhalte ich keine Personennummer. Irgendwann sehen wir uns schon die Koffer packen, noch bevor die Umzugskisten ausgeräumt sind. Nach zwei Monaten bin ich’s leid und hole mir Unterstützung von der Handelskammer. Noch in Deutschland bin ich deren Mitglied geworden und bitte ich sie, den Papierkram für mich zu erledigen. Tun sie auch – nach zwei Wochen habe ich eine Steuernummer, weitere vier Tage später sind unsere Personennummern im Briefkasten. An diesem Abend knallen in unserem Schwedenhaus die Korken.

Glücklich wie am ersten Tag: ein Traum? Ja, ein traumhafter!

Rehe vor dem Haus in Schweden
Die drei Rehe haben uns schon öfter besucht.

Das ist nun knapp drei Jahre her. Manchmal sehen wir uns an und grinsen. Denn noch immer gibt es Momente, an denen wir unser Glück nicht fassen können. Tagsüber vom Schreibtisch aus, wenn wir auf den Wald blicken. Im Winter, wenn sich die Tannenbäume unter dem Schnee biegen. Oder im Sommer, wenn wir draußen im Garten wuseln. Manchmal schiebt sich Angst dazwischen, weil alles zu glatt ging. Selbst die Wochen, in denen wir der Personennummer entgegenfieberten, sind nichts im Vergleich zur Wartezeit von anderen Auswanderern. Bei manchen sind Monate vergangen, bis sie mit der Zahlenkombination im schwedischen System erfasst sind. Das sind die Momente, in denen wir Angst haben, dass irgendjemand sagen könnte: Nein, das geht so nicht, wir haben bei euch einen Fehler gemacht. Ihr müsst wieder fort. Oder dass wir aufwachen und feststellen, dass alles nur ein Traum war.

Wenn Du mehr über uns Deutsche in Schweden erfahren möchtest, schaue doch mal auf www.svenskanyheter.de vorbei. Oder auf Facebook unter www.facebook.com/NeuesAusSchweden (@NeuesAusSchweden).

 

Was würde ich anders machen?

– schon viel früher auswandern
– meine Firma direkt von der Handelskammer anmelden lassen

Was würde ich genauso wieder machen?

– den ganzen Rest

 

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Du bist selbst nach Schweden ausgewandert oder hast es vor? Was sind deine Erfahrungen? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Alle Bilder in diesem Artikel: privat

1 Comment

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  • Mit grossem Interesse lese ich diese Auswandererberichte und bin immer wieder erstaunt.
    Ich selber bin mit meiner damaligen grossen Liebe (ein Schwede) mit 21 Jahren nach Skåne gezogen woher er kam. Das war 1970 und zu dem Zeitpunkt waren die Schweden im Allgemeinen noch recht introvertiert.
    Ich war vorher schon im Ausland und kannte kein Heimweh, aber in Schweden hatte ich ständig Heimweh. Ich lernte die Sprache und habe auch gearbeitet, aber ich wurde irgendwie nicht so recht warm mit den Schweden.
    Als wir nach einem knappen Jahr wieder berufsbedingt zurück nach Deutschland ziehen konnten war ich sehr froh.
    Aber ich wünsche allen Auswanderern dass sie ankommen im Norden und ich glaube, dass man heute bei Europäern eine andere Einstellung hat.