Land und Leute

Auswanderer-Geschichten 1: vom schwierigen Neustart zur eigenen Agentur

Das neue Heim der Auswanderer in Schweden

Olaf und Kathleen wanderten 2015 nach Schweden aus. Es verschlug sie nach Småland. Der Neustart war nicht leicht, aber die Mühen haben sich ganz offensichtlich gelohnt:

Es ist noch einmal Winter in Grönadal: Der Schnee liegt wie ein dicker, weißer Teppich über unserem kleinen Grundstück, Schnee drückt auf die Tannenzweige im Wald rund um unser typisch småländisches Schwedenhäuschen. Ein leichter Frost verwandelt Eiskristalle in kleine funkelnde Diamanten. Rauch steigt aus dem kleinen Schornstein. Der alte Specksteinofen von Handöl arbeitet hervorragend und sorgt im Wohnzimmer für eine behagliche Wärme. Unsere drei Hunde sind eng an den Ofen gekuschelt, denn sie kommen aus Afrika und können der weißen Pracht draußen nicht so viel abgewinnen wie ich.

Ich sehe gerne aus den Fenstern. Unser Haus steht alleine, keine Nachbarn in Sichtweite, die nächsten Städte sind ungefähr 20 km entfernt. So kann ich, egal aus welchem Fenster ich schaue, nur Natur sehen. Die Natur im Winter in Schweden. Ein richtiger Winter mit Schnee, Frost und kalten, klaren Nächten voller Sterne am Nachthimmel. Für viele ein Traum, für mich die Wirklichkeit. Und doch hätte unser Neustart ganz anders ausgehen können, nachdem wir 2014, ohne jemals vorher in Schweden gewesen zu sein, beschlossen haben, dorthin auszuwandern…

Gewagt: auswandern, ohne zuvor in Schweden gewesen zu sein

Im Spätsommer 2014 befasse ich mich das erste Mal mit Schweden. Ich lese in irgendeinem Blog, dass die Schweden gerne Steuern zahlen und ihre Steuererklärung per SMS abgeben. Das klingt wie ein schlechter Witz, denn als deutscher Unternehmer bin ich doch etwas anderes gewohnt. Ich prüfe die Information im Netz und finde diese zu meiner Überraschung bestätigt.

Schweden ist in vielen Punkten ein typisch europäisches Land. Allerdings gibt es teilweise gravierende Unterschiede zu Deutschland, wie die vorausgefüllte Steuererklärung, die per SMS bestätigt wird, zeigt. Ich lese weiter und finde heraus, dass Schweden nicht nur ein Land mit hervorragendem Gesundheits- und Rentensystem ist, sondern auch noch besonders zufriedene Einwohner hat. Einwohner mit viel Platz, viel Natur und einem Land, dass sehr unterschiedliche Klimazonen bietet. Von Öland, der Perle in der Ostsee, bis hin zum Polarkreis mit eisigen Wintern und Temperaturen bis -40 °C.

Schwedentraum im Winter am See
Die herrliche schwedische Natur überzeugt Olaf und Kathleen

Die harten Fakten, die ich mir in den nächsten Monaten mit meiner Frau erarbeite, geben den Ausschlag: Wir werden Deutschland verlassen und auswandern. Je früher, desto besser. Die nächsten Monate vergehen mit den Vorbereitungen: Sprachkurse werden gebucht, Informationen zusammengetragen. Wo wollen wir wohnen? Was kosten die Häuser? Wie hoch sind die Steuern? Wie ist das mit der Dunkelheit in Schweden? Und wo gibt es schnelles Internet, am besten via Glasfaseranschluss?

Schnelles Internet – ein wichtiges Kriterium für Unternehmer beim Neustart

Das Internet ist in der Tat ein entscheidender Faktor für uns. Wir sind Unternehmer, haben gemeinsam eine Werbeagentur und arbeiten hauptsächlich online im Bereich Webgestaltung und Datenbank-Anwendungen. In Schweden wollen wir weiterhin online arbeiten. Also ist das Netz unser Kompass. Unsere Informationen tragen uns in das 1.700 km entfernte Skellefteå, also hoch in den Norden. Dort gibt es entsprechend ausgebaute Glasfasernetze. Und diese gibt es sogar weit ab auf dem Land und nicht nur in den Städten.

Die Seite der schwedischen Makler „Hemnet“ wird unsere meist aufgerufene Internetseite. Wir legen Listen an, versuchen unsere Vorstellungen vom neuen Heim in Zahlen zu packen. Wie viele Zimmer brauchen wir? Wie groß darf das Grundstück sein? Und was ist ein angemessener Preis für ein Haus in Schweden? Wir lernen eine Menge schwedische Bezeichnungen, angefangen mit torpargrund über trekammarbrunn bis hin zu vedpanna.

Vom hohen Norden ins beschauliche Småland

Im Februar 2015 kommt ein großer Umschwung in unsere Schwedenpläne. Mit besseren Sprachkenntnissen und nach dutzenden Häusern, die wir uns online angesehen haben, findet meine Frau heraus, dass es in Schweden Gemeinden gibt, die deutsche Auswanderer suchen! Eine dieser Gemeinden, Tingsryds kommun, hat sogar ein gut ausgebautes Glasfasernetz.

So verlassen wir gedanklich den hohen Norden und orientieren uns nach Süden. Die Region Småland ist unser neues Ziel, vor allem wegen der angebotenen Unterstützung der Gemeinde. Wir sehen uns Häuser auf Hemnet an und finden tatsächlich diverse Angebote, die passen könnten. Die Reiseentfernung ist mit 550 km deutlich einfacher zu bewältigen, und die ersten Gespräche mit dem deutschsprachigen Ansprechpartner dort in Tingsryd machen uns Mut, die Auswanderung weiter voran zu bringen.

Zum ersten Mal in Schweden und gleich heimisch

Dann geht alles ganz schnell. Ende Februar reise ich das erste Mal in meinem Leben nach Schweden, um mir dort Häuser anzusehen, die wir interessant finden. Meine erste Reise nach Schweden zu beschreiben, ist sehr schwer. Es fühlt sich an, als käme ich endlich an. Die Ruhe, die das gesamte Land ausstrahlt, die freundliche Art der Schweden, egal wen ich treffe – Schweden fasziniert mich. Das entspannte Autofahren, sobald ich Malmö hinter mir gelassen habe, ist für mich allein ein Grund, Deutschland zu verlassen. Ich bin total sicher, dass ich hier leben möchte. Hier gehöre ich hin.

Doch vorher muss ich die Rahmenbedingungen klären. Also sehe ich mir mit Jörgen, dem netten Mann von der Gemeinde, mehrere Häuser an, mache Termine mit verschiedenen Maklern und reise in der Gemeinde herum.

Um es kurz zusammenzufassen: Die meisten Häuser sind in keinem guten Zustand. Doch eine Immobilie sticht heraus. Durch Jörgen erfahren wir von einem privaten Angebot außerhalb von Hemnet. Das Haus ist modern, im Preisrahmen, Internet muss noch bestellt werden. Das Haus gefällt mir so gut, dass ich Angst habe, dass es mir jemand vor der Nase wegschnappt. Aber natürlich kann ich solch eine Entscheidung nicht allein treffen.

Also findet wenige Wochen später die nächste Reise nach Schweden zusammen mit meiner Frau und unseren Hunden statt. Wir sehen uns das Haus gemeinsam an, machen eine Besichtigungstour mit dem Verkäufer durch das Dorf und nutzen die freie Zeit zur Erkundung möglicher Spazierwege. Und was soll ich sagen, meine Frau ist genauso begeistert wie ich. Von Schweden, von den Menschen hier in Schweden und vom Haus natürlich auch.

gelungener Neustart für die Auswanderer
Die Auswanderer in ihrer neuen Heimat

Am nächsten Tag treffen wir mit dem Besitzer einen mündlichen Kaufvertrag. Der Verkäufer wird alles Notwendige veranlassen, uns einen Vertrag zuschicken und Glasfaser für uns bestellen, so dass wir zum Umzug einen funktionierenden Internetanschluss in unserem neuen Haus in Rävemåla haben werden. Voller Vorfreude auf Schweden fahren wir nach Hause nach Deutschland.

Beinahe die Bruchlandung …

Die Zeit vergeht und wir kümmern uns um die Abwicklung in Deutschland. Unsere Kunden müssen mitziehen, also klären wir alles Notwendige mit ihnen. Unser Haus in der Nähe von Mölln muss verkauft und der Umzug organisiert werden. Diverse Verwaltungstätigkeiten sind zu erledigen. Das Datum für den Umzug rückt immer näher, am 1. Juli 2015 werden wir Deutschland verlassen und einen Neustart in Schweden wagen.

Doch dann das: Knappe fünf Wochen vor unserem Umzug zieht uns die Realität den Boden unter den Füßen weg. Unser schwedischer Vertragspartner hat sich nicht an die Abmachungen gehalten. Es gibt keinen Kaufvertrag, es gibt kein Internet und nach seinem Verhalten gegenüber unserem schwedischen Ansprechpartner bei der Gemeinde gibt es auch keine Basis für ein Geschäft mehr. In Schweden sagt man: „Der ist unter dem Eis!“, was eine ziemlich heftige Ansage ist.

… die Nerven liegen blank …

So stehen wir fünf Wochen vor dem Umzug vor gravierenden Problemen. Unser Haus ist verkauft und wir müssen Ende Juni ausziehen. Wir haben aber kein neues Haus, keine Adresse in Schweden, wo das Umzugsunternehmen anliefern kann. Wir haben keinen Arbeitsplatz, weil wir unsere Rechner nirgends aufstellen können. Unser Traum von der Auswanderung scheint im letzten Moment dramatisch und katastrophal zu scheitern, weil unser Vertragspartner plötzlich keine Lust mehr hat, sich an seine eigenen Vereinbarungen zu halten!

Voller Verzweiflung fahren wir gemeinsam noch einmal nach Schweden, um uns die Reste des Hausmarktes anzusehen. Gemeinsam mit Jörgen von der Gemeinde besuchen wir diverse Häuser, finden sogar einen Vermieter, der uns für eine recht hohe Miete ein echt altes Haus mitten im Nirgendwo vermieten würde. Eine letzte Notlösung scheint die Miete eines leerstehenden Ladenlokals ohne Badezimmer in der Stadt zu sein.

Wir sind mit unseren Nerven völlig am Ende. Die letzten Wochen waren sehr hart. Wir haben unser Leben in Deutschland komplett abgewickelt und parallel dazu immer gearbeitet. Und nun das!

… doch ein Schwede hilft: Neustart gelungen!

Unsere Rettung im letzten Moment ist wieder Jörgen von der Gemeinde. Über drei Ecken kennt er einen Schweden, der vor vielen Jahren nach Polen ausgewandert ist und immer noch ein Sommerhaus in Rävemåla hat. Das frisch renovierte, große Haus benutzt er nur wenige Wochen im Jahr. So wird für uns gefragt, ob wir dort in der ersten Zeit wohnen könnten. Allan, der Besitzer aus Polen, ist nicht nur einverstanden, er verlangt auch nur eine sehr geringe Miete. Wir treffen uns persönlich in Rävemåla, erledigen die Formalitäten und lernen einen sehr netten Schweden kennen, der uns im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Absturz rettet, indem er uns sein Haus vermietet.

So wird am Ende alles gut. Wie geplant beziehen wir am 1. Juli ein Haus in Rävemåla und werden dort ein paar Monate wohnen. Doch bereits im Dezember ziehen wir wieder um, in unser eigenes Haus nach Grönadal in die Nähe des Mien.

Neustart gelungen - ein typisches rotes Schwedenhaus
Das neue Zuhause

Wir sind heute hier, weil wir viel Hilfe und Unterstützung von schwedischer Seite bekommen haben. Heute wollen wir unsere Hilfe anderen anbieten, die in Schweden einen Neustart machen wollen. Also schau doch mal bei www.nystart.de vorbei. Und vielleicht lernen wir uns ja auch irgendwann mal persönlich kennen und du kannst uns dann die Geschichte deiner Auswanderung erzählen.

Wir wünschen dir viel Glück, oder wie man hier so schön sagt: Lycka till!

Was würde ich anders machen?

– Haus in Deutschland teurer verkaufen.
– Umzug nach Schweden billiger einkaufen.
– Rechtliche und steuerrechtliche Dinge noch besser abklären.

Was würde ich genauso wieder machen?

– Es war ein holpriger Ritt, aber gut.  Also würde ich es wieder machen! 
 Denn nur dadurch bin ich heute hier.

 

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Du bist selbst nach Schweden ausgewandert oder hast es vor? Was sind deine Erfahrungen? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Alle Bilder in diesem Artikel: Olaf Thomas und Birgit Witt

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