Land und Leute

Auswanderer-Geschichten 3: Angst überwunden, Schweden gewonnen

Outdoor-Küche - das ist der Gewinn, wenn die Angst vor dem Auswandern überwunden wird

Franzi hatte einen lang gehegten Traum von einem neuen Leben in Schweden, aber auch Angst vorm Auswandern. Seit rund zwei Jahren lebt sie nun mit ihrer Familie in Skåne im Süden Schwedens. Inzwischen sind die Auswanderer in ihrer neuen Heimat angekommen. Franzi berichtet von ihrem Start ins neue Leben:

Für rund 24 Stunden waren wir heimatlos. Kein Zuhause mehr, welches eingerichtet war und auf unsere Rückkehr wartete. Kein gemütliches Wohnzimmer, in dem unser Sofa stand. Kein chaotisches Kinderzimmer, in welchem Plüschtiere auf einem Floß aus Lego über den Teppich schipperten. Keine Wäscheberge und keine Waschmaschine im Dauerbetrieb.

Die Kisten sind gepackt – Schweden kann kommen

Denn all dieses war längst verpackt und stand verladen oben auf dem Umzugswagen. Und obwohl wir nicht das erste Mal umzogen, fühlte es sich dieses Mal doch ganz anders an. Denn wir würden nicht einfach nur in ein anderes Haus ziehen. Nicht nur in eine andere Straße oder in einen anderen Stadtteil.
Dieses Mal würde unser Umzugs-Konvoi über die Ostsee reisen. Nach Schweden.

Nur ein Urlaubsflirt oder doch die große Liebe?

Auszuwandern war bereits seit etwa acht Jahre der große gemeinsame Traum von meinem Mann und mir gewesen. Wir haben uns in die skandinavische Natur verliebt. In die endlosen Wälder, die Seen und Flüsse, in die Berge im Norden ebenso wie in die Felsküsten im Süden.
In die Ruhe, die dieses Land ausstrahlt.
Und in die Gelassenheit der Menschen.

Natur in Schweden - einfach traumhaft
zum Verlieben: die schwedische Natur

Jedes Mal, wenn wir auf der Rückfahrt aus dem Urlaub waren, schmiedeten wir neue Pläne und waren hoch motiviert. Es musste doch zu schaffen sein. Es müsste doch wenigstens einer von uns einen Job im Land finden können. Und die Sprache war doch auch gar nicht so schwer. Man müsste nur mal dranbleiben: sich einfach bewerben und natürlich Schwedisch lernen.
Doch unzählige Male holte uns der Alltag so schnell wieder ein, dass aus dem festen Plan wieder nur eine Träumerei wurde, welche bis zu unserem nächsten Urlaub neuen Staub ansetzen sollte.

Franzi in Aufbruchsstimmung: jetzt oder nie!

Anfang 2016 jedoch packte uns die Aufbruchsstimmung. Beim Anschauen unserer Urlaubsbilder kamen wir erneut ins Träumen – und ins Diskutieren. Unsere Jungs waren damals vier und zwei Jahre alt. Und der näher rückende Schulbeginn verursachte bei mir das Gefühl eines Ultimatums. Denn ich wollte meinen Söhnen das Umschulen in ein anderes Land gerne ersparen. Wenn wir also nach Schweden auswandern wollten – und das nicht erst im Rentenalter –, dann musste nun tatsächlich etwas passieren.

Und so ging es, intensiver denn je, an die Jobsuche. Unsere Schwedisch-Kenntnisse waren trotz eines Grundkurses an der Volkshochschule und einem (kaum genutzten) Monats-Abo einer Sprachlernsoftware noch längst nicht alltagstauglich. Daher suchten wir gezielt nach Stellenanzeigen, in denen eben Englisch und/oder Deutsch gefragt war.

Eine Jobzusage und eine spontane Firmengründung

Nach ein paar Wochen kam dann der Anruf, der meinen Mann vor Schreck fast die Sprache verschlug. Es war ein IT-Unternehmen aus Lund, welches ihn zum Bewerbungsgespräch via Skype einlud. Darauf folgte etwa eine Woche später ein Bewerbungsgespräch vor Ort sowie die Jobzusage nur wenige Stunden danach.
Kaum wieder in Deutschland angekommen, suchte ich natürlich sofort das Gespräch mit meiner Vorgesetzten. Ihre Antwort: „Oh, Franzi, wie schön für euch… aber wir wollen gar nicht, dass du gehst!“
Tja, was nun?

Tatsächlich fanden wir eine Lösung, wie ich künftig auch aus der Ferne einen Teil meiner Aufgaben im Marketing weiter wahrnehmen konnte: Ich musste mich eben selbstständig machen. Einfach so. Ungeplant und unvorbereitet. Und noch dazu musste ich natürlich weitere Kunden gewinnen.
Eigenverantwortlich gearbeitet hatte ich schon oft und dank meiner kaufmännischen Ausbildung war auch Buchhaltung kein Fremdwort für mich. Für letztere sowie für Steuerangelegenheiten nahm ich mir vor Ort einen Berater, welcher mir nach Abschluss meines ersten Geschäftsjahres erst kürzlich verkündete:
„Du är väldigt duktig!“
Ich bin also sehr fleißig. Na prima!

Zwischen Freude und Angst

Was aber damals zunächst auf die Klärung der Arbeitsverhältnisse folgte, waren die stressigsten und emotionalsten sechs Wochen unseres Lebens. Binnen kürzester Zeit mussten wir ein Haus in Schweden finden, unser komplettes Leben in Deutschland auflösen und schließlich in die traurigen Gesichter von Freunden und Familie blicken.

Und plötzlich waren wir da, am Fähranleger in Trelleborg. Unser ganzes Leben war verteilt auf ein Auto und einen kleinen LKW. In einer roten Mappe steckten unsere Ausweise, Geburtsurkunden und die Kaution für unser neues Zuhause.
Ich hatte das Gefühl, keinen festen Boden mehr unter den Füßen zu haben.
Und das nicht wegen des starken Seegangs auf der Ostsee.

Vor uns lag ein Land, welches wir nur aus dem Urlaub kannten. Vom tatsächlichen Alltag, von der Bürokratie, vom Schulwesen, von der echten schwedischen Mentalität und von so vielem mehr hatten wir noch überhaupt gar keine Ahnung.
In meinem Bauch hatten Angst und Freude einen schlimmen Streit. Denn ich hatte Angst davor zu scheitern. Angst davor, es könnte finanziell doch zu knapp werden. Und gleichzeitig war ich doch überglücklich, endlich diesen magischen Wäldern, Seen und Flüssen jeden Tag nahe sein zu können. Und ich freute mich darauf, dem Stress in Deutschland ein Stück weit zu entkommen.

mit Hund in Schweden beim Angeln
Echter Schwede: Franzis Hund Odin

Noch oft während der ersten Monate in Schweden hatte ich dieses kribbelige Gefühl in der Magengegend, wie wenn ein Auto bei hoher Geschwindigkeit über einen Hügel saust und man für eine Sekunde schwerelos ist. Und dabei bin ich eigentlich ein Mensch, der ganz gut auf Nervenkitzel verzichten könnte.

Das neue Leben: ein bisschen „lagom“, ganz viel Natur und ein YouTube-Kanal

Heute, rund zwei Jahre später, sind wir längst angekommen. Unsere Kinder sprechen fließend Schwedisch und fühlen sich in der Schule und dem Kindergarten wohl. Die Mentalität der Schweden haben wir kennen und (zum größten Teil) schätzen gelernt – wenngleich wir doch in mancher Hinsicht wohl ewig „typisch deutsch“ bleiben werden. Besonders beim Autofahren oder auch wenn es darum geht, die Dinge gerne etwas genauer zu nehmen.

Ein bisschen „lagom“ und ganz viel Natur – ich denke, so könnte man unser neues Leben in Schweden wohl am besten beschreiben. Und das nervöse Kribbeln im Magen ist auch längst verschwunden.

Manchmal warten die großartigsten Erfahrungen in deinem Leben jenseits deiner größten Ängste.
Was es dann braucht, ist nur die richtige Portion Mut, um deine Angst zu überwinden.
Dann können deine Träume Wirklichkeit werden.

Dieses Jahr habe ich mir einen weiteren persönlichen Traum erfüllt und bin auf YouTube mit meinem Kanal „Franzi in Schweden“ gestartet. Dort erzähle ich von meinem Leben in Schweden, teile Tipps fürs Auswandern, aber auch witzige Geschichten aus meinem Alltag. Wenn du dich für mein Leben als Auswanderer in Schweden interessierst, dann schau’ doch gern einmal bei mir vorbei: Franzi in Schweden

Ha det bra så länge, Franzi

 

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Du bist selbst nach Schweden ausgewandert oder hast es vor? Was sind deine Erfahrungen? Hinterlasse gerne einen Kommentar!

Alle Bilder in diesem Artikel: privat

1 Comment

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  • Ich bin schon zweimal nach Schweden ausgewandert, naja, oder hingezogen. Jobbedingt. Jetzt muss ich wieder einen Job finden und will es wieder in S versuchen. Ich hoffe, es klappt! Es hat letztes Jahr schonmal geklappt mit einem Job, aber ich war noch nicht bereit, wieder alles aufzugeben, war aber eine ganz dumme Entscheidung. naja, aus Fehlern lernt man.